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Reiseimpressionen aus dem Land der Mitte

Wulumuqi. Die Zunge überschlägt sich, die Lippen schieben sich nach vorne und pressen langsam die Vokale aus. Wulumuqi, auch Ürümqi genannt, ist die Hauptstadt der westlichen Provinz Xinjiang in China und Herausforderung für Liebhaber der klaren Aussprache. Der Ausgangspunkt unserer Reise durch die Wüste Gobi liegt vier Flugstunden von Peking entfernt. Am Morgen noch ergriff uns der Spagat aus Moderne und Tradition der Hauptstadt, jetzt stehen wir inmitten einer Metropole aus russischen Supermärkten, orientalischen Basaren und chinesischen Konsumtürmen.
Wulumuqi: Ein rasant wachsender Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Chinesische, uigurische und russische Schriftzeichen bestimmen die bunten Werbetafeln. Uigurische Bäcker backen Fladenbrot in steinernen, runden Öfen. Russische Geschäftsleute eilen durch glitzernde Bürotürme. Der Duft würzig gebratener Kebabspieße dringt in unsere Nasen und am Straßenstand mit frisch gepresstem Granatapfelsaft pausieren wir während unserer Stadttour. Wieder im Hotel zurück wird uns eines bewusst: Wie die meisten der chinesischen Städte opfert auch Wulumuqi die Umwelt seinem Aufschwung. Vom 26. Stock unseres Hotelzimmers sehen wir den Smog, der die Stadt einhüllt und die Sicht auf die nahen Berge verdeckt. Im Zimmer riecht es nach Abgasen, dem Parfüm des Wachstums.

Chinas heißester Ort

Am nächsten Tag brechen wir am frühen Morgen nach Tulufan, zu Deutsch Turfan, auf.
Kaum haben wir Wulumuqi verlassen, fahren wir durch eine steinige Wüste, die grau-braune Berge in der Ferne begrenzen. Kamele wandern entlang der Straße, ein paar kahle Sträucher trotzen dem Wind. Orangene Ölpumpen saugen die Ressourcen Xinjiangs ab, ihre Köpfe schwingen monoton auf und ab – stählerne Monster in einer kargen Mondlandschaft.
Turfan war einst ein wichtiger Knotenpunkt, an dem sich die Seidenstraße in eine nördliche, mittlere und südliche Route teilte. Die Oase ist der heißeste Ort Chinas. Im Sommer steigt die Temperatur über 45 Grad und bereits jetzt, im März, beginnt die Luft zu flirren. Die Stadt lebt vom Wein-, Honigmelonen- und Baumwollanbau, dank eines ausgeklügelten, uralten Bewässerungssystems. Dieses leitet unterirdisch Schmelzwasser von den 100 Kilometer entfernten Bergen nach Turfan. Die Brunnen, die diese schmalen Kanäle anzapfen, sieht man als gigantische Maulwurfshügel in und um die Stadt verteilt.
Kurz nach unserer Ankunft treffen wir auf John, der uns seine Dienste als Reiseleiter und Fahrer anbietet. Gerne nehmen wir an, denn John spricht gutes Englisch. Unser 30-jähriger uigurischer Reiseleiter zeigt uns alle Sehenswürdigkeiten in Turfan: Die buddhistischen Grotten von Bezeklik aus dem siebten Jahrhundert, das gut erhaltene Emin-Minarett, die Astana-Gräber wohlhabender Einwohner, die staubigen Ruinen der Handelsstadt Jiaohe und die unterirdischen Gänge des Karez- Bewässerungssystems. «Dieses Jahr hat es in den Tian-Shan-Bergen nicht geschneit», erzählt John beim Besuch der Bewässerungsanlage. «Doch wir sind vom Schmelzwasser abhängig. Kein Wasser, keine Oase.» Vielleicht die ersten Vorboten des Klimawandels, denn ein Winter ohne Schnee ist ein seltenes Ereignis.

Ein Stadtbummel durch Turfan führt uns auf den Basar. Neben dem Eingang stehen Dutzende Esel mit hölzernen Wagen im Staub und warten geduldig auf ihre Besitzer. Auf dem Basar findet sich alles, was man zum Leben braucht: Gemüse, Fleisch, Haushaltswaren, Motorenteile, Kleidung, Unterwäsche. Die Restaurants in der Mitte des Marktes bieten «Lamian» an, lange, frische Nudeln mit Lammfleisch – das beliebteste Gericht der Uiguren. Sand und Staub umwehen uns, setzen sich in Nase und Ohren fest.
«Die Sandwüste beginnt nur wenige Kilometer südlich von hier», erklärt uns John. «Im Frühjahr fegen starke Sandstürme über Turfan hinweg, letzten Monat haben sie sogar einen Zug umgekippt.» Manche der Sandstürme wandern bis ins 2000 Kilometer entfernte Peking und färben dort die Luft der Hauptstadt für mehrere Tage gelblich-braun.
Um die Quelle unserer sandbenetzten Ohren selbst zu erkunden, fährt uns John am nächsten Morgen an den Rand der Wüste. Er drückt uns vier Gurken und Tomaten in die Hand, «zur Erfrischung, das ist köstlich in der Sonne». Ausgerüstet mit einer Tüte voller Gemüse brechen wir auf zur Besteigung unserer ersten Dünen und genießen den Ausblick auf ein Meer voller Sand, mit Wellen, die sich weich in der Sonne wiegen und runde Schatten auf goldenem Grund prägen. Doch auch in diesem Idyll zeigt sich der Abdruck des Wachstums: Plastiktüten und Coladosen. «Immer mehr Chinesen und Ausländer kommen nach Turfan. Und mit ihnen der Abfall», seufzt John. «Doch auch viele Einwohner haben keinen Sinn für ihre Umwelt.»

Auf den Spuren des Buddhismus

Zwei Tage später und rund 600 Kilometer weiter westlich stehen wir wieder in der Wüste. Diesmal in Dunhuang, in der Nachbarprovinz Gansu. Schon von der Innenstadt Dunhuangs kann man die riesigen Dünen sehen, manche türmen sich bis zu 300 Meter auf. Doch die Wüstenstadt ist nicht nur wegen ihrer Sandberge berühmt: Die Mogao-Grotten aus dem dritten Jahrhundert sind die künstlerischen Werke der ersten Buddhisten, die über die Seidenstraße nach China gelangten. Über 1000 Höhlen gruben Mönche vom dritten bis 12. Jahrhundert in einen Wüstenfelsen und verzierten die spirituellen Grotten mit hölzernen Buddhas und farbigen Wandmalereien. Ein paar der Höhlen hat die trockene Wüstenluft konserviert, noch heute erzählen die Malereien die Geschichten des Buddhismus in leuchtenden Tönen. Die Lichtkegel unserer Taschenlampen wandern über die Gesichter meterhoher Statuen, die erhaben im Dunkeln die Jahrhunderte überlebten, fernab von Kriegen und Kulturrevolution.
An unserem letzten Tag in der Wüste besteigen wir die hohen Dünen von Dunhuang. Oben auf dem Gipfel begrenzt rundum Sand unseren Blick und wir tauchen in die Weite und Schönheit der Wüste Gobi ein. Einer Wüste, die sich über 2000 Kilometer erstreckt. Die sich täglich ausdehnt und fruchtbares Land unter ihren Dünen begräbt. Eine Reise in ein Sand- und Geröllmeer voller einzigartiger Kulturstätten und Landschaftsformen, voller Stille und Spiritualität

 

Sandra Bulling (Gast Autorin)