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Wie meine Tante zum Film gekommen ist

Aus Larsi`s Nähkästchen

Also meine Tante ist beim Film. Nicht, dass Sie jetzt denken: Meine Tante spielt im Tonfilm die Trompete. Ne, die macht was Seriöses. Die kann ihnen auf Heller und Pfennig erzählen, was z.B. Walter Plathe als „Landarzt” verdient hat. Tut sie aber nicht! Da muss sie schriftlich ihr Ehrenwort an jeden Filmproduzenten geben bei dem sie arbeitet. Sonst isse weg vom Set, auch wenn se noch so schön mit Zahlen jonglieren kann.

Filmgeschäftsführerin, das ist der Titel meiner Tante auf der Stabliste*. Hört sich bombastisch an, nennt sich im wirklichen Leben Finanz- und Lohnbuchhalterin. Und Lohn gibt’s beim Film auch nicht, das heisst da Gage. Die Schauspieler werden nach Drehtagen bezahlt, kriegen also eine Tagesgage, und meine Tante wundert sich oft, wenn die nicht Walter Plathe oder Manfred Krug heissen, wie die bei zehn Drehtagen im Jahr überhaupt über die Runden kommen. Landen alle ganz schnell bei Hartz IV.

Meine Tante ist zum Film gekommen wie Maria zum Kinde. Filmverrückt war sie schon immer. Mit fünf Jahren das erste Mal im Kino: „Attila, der Hunnenkönig”. Ihre kleine Schwester musste se immer mitschleppen und bei der wurde aus dem Hunnenkönig ein Hundekönig.

Gelernt hat sie Industriekaufmann und ist dann in der Buchhaltung von so ’ner Modefirma gelandet, obwohl sie immer vom Künstlerischen geträumt hat. Dran gedacht, dass man beim Film auch Zahlenmenschen braucht, da isse erst durch ihre Freundin, die Eva-Maria Riedmann drauf gekommen. Die hat bei der Ufa gearbeitet und war ein echtes Filmkind. Mutter Schauspielerin und Vater Schauspieler. Eva Probst und Gerhard Riedmann, das war in den 50er Jahren das Traumpaar in den Heimatfilmen. Gab ja in kaum was anderes. Da glühten die Alpen und die Burschen jodelten und die Mädels erröteten und zeigten zaghaft was sie im Dirndl hatten.

Das war nischt für meine Tante. Die stand mehr auf Elvis-Filme und hat James Dean verehrt. Aber zur Ufa ist sie dann doch gegangen. Zahlen ist es ja egal, ob sie in der Kalkulation* von einer Schnulze oder einem Drama stehen.

Die hat sie mir vererbt. Hat mich schon in jüngsten Jahren mitgeschleppt. Nicht in Kinderfilme, war alles für Erwachsene. Aber damals war’n die Kontrollen noch nicht so streng und ich
für mein Alter ziemlich groß und reif. Nur einmal, in der „Bonbonniere” am Ku-Damm, da gab’s
„Der Rosenkrieg” mit Michael Douglas, Kathleen Turner und Danny de Vito, und der Film war ab 16 Jahre und ich erst 12. Die Kartenkontrolleuse wollte mich nicht reinlassen, von wegen schmutziger Scheidungskrieg und Austausch von Gemeinheiten usw. Also großes Palaver, bis meine Tante gesagt hat: „Nun lassen sie den Jungen doch rein. Das kennt der doch, hat er jeden Tag zu Hause!” Dann konnte ich passieren und war sehr stolz auf meine Tante.

Darum bin ich immer ganz Ohr, wenn meine Tante vom Film erzählt und kann ihnen alles, ja, fast alles, brühwarm berichten.
Bis bald
Euer Larsi  


PS: Die Wörter mit *(Sternchen)* erkläre ich Ihnen, ist ja Filmfachchinesisch.
*Kalkulation

da schreibt der Produktionsleiter jede Ausgabe rein, die für den Film ausgegeben werden darf. Z.B. die Kosten für Toilettenpapier und Kaffee oder die besagte Gage für Walter Plathe, und meine Tante muss dann aufpassen, dass die Kosten nicht überschritten werden. Aber Toilettenpapier wird immer großzügig kalkuliert.
Das Team* muss nichts von zu Hause mitbringen.

*Stabliste

da stehen alle Leute drin, die bei dem Film mitarbeiten und keine Schauspieler sind. Die Schauspieler stehen in der Darstellerliste. In beiden Listen können sie nachsehen, welche Telefonnummer und Adresse das Teammitglied hat. Z.B. Daniel Craig, ja mit dem hat meine Tante auch schon gearbeitet. Damals war er noch ganz unbekannt und noch kein James Bond. Und schon damals fand sie den nicht aufregend und für sie gibt’s überhaupt nur einen James Bond und der heisst Sean Connery. Recht hat sie!

*Team

das ist die Familie für die Drehzeit. Da hat man sich ganz lieb und umarmt sich schon am Morgen und duzt sich gleich bei der ersten Begegnung und manchmal finden sich auch Paare. Aber wie gesagt, nur für die Zeit wo gedreht wird, also ca. 22 Tage.