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Die Bewohner/innen sind betroffen von Konflikt, Hungerkrise, Fluten und einer Choleraepidemie

Letze Woche hatte ich Angst, fest zu sitzen. Nicht im Verkehr, nicht im Büro – sondern in , einer Stadt im . Seit der Konflikt im im Dezember letzten Jahres ausbrach fanden hier immer wieder schreckliche Massaker statt. Die gibt landesweit Menschen auf ihren Basiststationen Schutz, so auch hier in Bentiu wo sich Zehntausende hingeflüchtet hatten. Sie leben teilweise seit Monaten in Strohhütten oder unter Plastikplanen und bekommen nur notdürftig Unterstützung. Die ganze Nacht über hatte es geregnet und als ich am frühen Morgen die Tür meines Schlafcontainers öffnete, goss es immer noch. Der Regen schluckte jegliches Geräusch. Zwischendurch hörte ich allein die schrillen Schreie einer Mangustenfamilie, Erdmännchen-ähnlicher Tiere. Sie jagten Schlangen und rannten quiekend unter den leicht erhöht stehenden weisslich-braunen Containern hindurch, in denen die Nothelfer arbeiten und schlafen. Die Landebahn war überflutet und verwandelte sich einen Strom aus rotem Schlamm. Das bedeutet, dass die kleinen weissen Cessnas der nicht mehr landen können. Jetzt im August erreicht die Regenzeit im Südsudan ihren Hoehepunkt. Nothelfer können dann oft tagelang nicht reisen, weil Autos im Schlamm stecken bleiben. Das heisst aber auch, dass Hilfsgüter am Flughafen feststecken und nicht verteilt werden können. Generell gibt es nur wenige asphaltierte Straßen im gesamten Land, jegliche Hilfe muss also per Helikopter in der Regenzeit transportiert werden. Das kostet Geld und ist ein enormer logistischer Aufwand.

Die Sonne ging auf, und ich sah das ganze Camp vor mir liegen. Alles war überflutet, der Schlamm war knietief und es war kein einziger Schritt ohne Gummistiefel möglich.
Ich putzte meine Zähne im dreckigen Toilettenhäuschen, finster auf ein paar braune Käfer starrend, die ihren Tod während der Nacht im Waschbecken gefunden hatten. Ich dachte, ich könnte die schrecklichen Umstände hier nicht mehr länger ertragen. Den Schlamm, die überfüllten Latrinen. Die Geier, die auf hohen Lampenpfeilern lauerten und das ganze Camp zu beobachten schienen.
Ich hatte Angst, hier festzustecken und wollte unmöglich noch eine weitere Nacht hier verbringen.
Doch dann schaute ich mich um: Ich war umgeben von Zehntausenden Menschen, die nicht den Luxus haben, einfach wieder wegfliegen zu können wie ich. Die hier Zuflucht gesucht haben, um zu überleben. Die ihr Leben riskieren, nur um Feuerholz und Essen zu bekommen. Meistens sind es die Frauen, die diese Arbeit übernehmen, denn sie werden ja «nur» vergewaltigt und nicht gleich umgebracht wie die Männer. Viele Menschen, die hier Schutz suchten, haben während der Kämpfe Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen verloren. Hier auf dem UN-Gelände mögen sie sicher sein vor Gewalt. Doch Krankheiten, Angst und Traumata bleiben.

Als wir durch das Camp liefen, schwammen Fäkalien um meine Knöchel. betreut zwei Kliniken in Bentiu, und Durchfall ist das Hauptproblem. In anderen Teilen des Südsudans ist auch schon Cholera ausgebrochen. In Bentiu haben wir ein Zentrum zur Behandlung von Cholera eingerichtet, eine Vorsichtsmaßnahme. Ich mache mir Sorgen, dass sie bald bitter nötig sein wird.

Wir liefen weiter zum Ernährungszentrum von CARE. Es stand völlig unter Wasser. Mein Kollege Demelash Habtie war unglaublich traurig als er das sah. Eilig versuchten wir die Zusatznahrungsrationen für unterernährte Kleinkinder aus dem Wasser zu fischen und ins Trockene zu bringen. Es ist schon so schwer genug Hilfsgelder für den Südsudan zu erhalten – zu sehen wie das wenige, was wir als CARE aufbauen konnten von den Wassermassen zerstört wurde traf mich bis ins Mark. Mütter und ihre unterernährten Kinder sind abhängig von dieser Hilfe. Es ist ein Teufelskreislauf: Die Fluten werden Durchfall und andere Krankheiten bei Kindern hervorrufen und damit die schon vorhandene Unterernährung noch weiter verschlimmern.

Da fing ich an mich wegen meines Selbstmitleids zu schämen. Ich war nur wenige Tage in Bentiu. Aber die Familien sind schon seit Monaten hier – und niemand weiß, wie lange sie noch bleiben werden. Während ich schließlich mit einem Helikopter Bentiu verlassen konnte, bleiben meine Kollegen vom CARE-Team zurück. Sie werden weiter arbeiten gegen den Regen und die Zeit, um den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern. Sie werden weiter unternährte Kinder pflegen und wieder aufpäppeln. Sie werden kranke Menschen impfen, bandagieren, konsultieren und behandeln. Jeden Tag sind sie dort, um die schrecklichen Lebensumstände zu verbessern.

 

Medienkoordinatorin, (Gast Autor)