Reisezeitschrift für Deutschland, Europa und Welt

Abonniere Sie unseren Newsletter.

Heimat

Hängt bei Ihnen schon ein Stefan Strumbel über dem Sofa? Verstaubt vielleicht auf Opas Dachboden ein Gemälde von Wilhelm Hasemann oder Curt Liebich? Alle drei Künstler setzen sich in ihren Werken mit dem Begriff Heimat auseinander.

Stefan Strumbel, geboren 1979 in Offenburg, begann seine Karriere als jugendlicher Graffiti Künstler und verschönte die doch eher tristen Wagen der Deutschen Bahn mit seinen Bildern. Künstlerischen Spürsinn sagt man der DB nicht nach, so wurden die Züge schnöde gereinigt. Inzwischen hängen Strumbels Originale, die heute mit ca. 95.000,00 € gehandelt werden, bei Karl Lagerfeld und Hubert Burda über dem Sofa.

Stefan Strumbel karikiert den Begriff Heimat in seinen Werken und verfremdet die heiligen Symbole des Schwarzwaldes: die Kuckucksuhr, das Schwarzwaldmädel mit dem und die Schwarzwälder Kirschtorte . Das Mädele maskiert sich mit einem Palästinenserhut und greift zum Gewehr. Aus der Kuckucksuhr springt ein Totenkopf und gemahnt daran, wie schnell die Lebenszeit abläuft. Oder der Kuckuck wird durch einen Schweinekopf mit einer Handgranate im Maul ersetzt. Verletzen möchte Strumbel mit seiner Kunst niemanden, schwingt doch immer auch seine Liebe zur Heimat mit. Nach eigener Aussage sind die Gerüche der Kindheit, seine Heimatstadt Offenburg und die Ruhe und Schönheit des Schwarzwaldes für ihn lebensnotwendig. Strumbel, der nie Kunst studiert hat, ist im Kunstbetrieb angekommen. Sein «What the fuck ist heimat» schaffte es auf das Titelbild der New York Times. Seine Skulpturen und Bilder hängen in Museen. Er wird in einem Atemzug mit JR?, Banksy und Damion Hirst genannt. Die Straße hat er allerdings verlassen. Jüngst schmückte er die Kirche «Maria, Hilfe der Christen» in Goldscheuer aus und ließ Schafe, als Opferlämmer in den Andachtsraum laufen.

Die E- hat ihn entdeckt. Im Mai war Premiere von «La Boheme» an der Stuttgarter Staatsoper. Bühnenbild: Stefan Strumbel. Mimi mit Bollenhut? Nein, er hat sich natürlich mit der Oper auseinandergesetzt und Mimis Händchen bleibt, wie im Original, eiskalt.

Ich wünsche Stefan Strumbel von ganzem Herzen, dass er sich seine Bodenständigkeit und Gelassenheit bewahrt, sich selbst treu bleibt und im Haifischbecken der Kunst nicht untergeht.
www.deineheimat.com

Zwei Maler, Wilhelm Hasemann (1850-1913), geboren in Mühlberg an der Elbe und sein Schwager Curt Liebich (1858-1937), geboren in Wesel am Niederrhein, prägten die allgemeine Vorstellung vom Schwarzwald.

Ihre Werke, zu sehen im Kunstmuseum-Hasemann-Liebich in Gutach, dokumentieren das ländliche und dörfliche Leben im Gutachtal und wurden als Postkartenmotive in die ganze Welt verschickt. Sie begründeten die «Gutacher Malerkolonie» , deren Tradition noch heute fortgeführt wird. Obwohl nicht im Schwarzwald geboren, wurde ihnen Gutach zur Heimat. Heimat ist also nicht nur der Ort, in dem man geboren wurde oder aufgewachsen ist. Heimisch werden, « dort wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland, meine Heimat », kann man überall auf der Welt.
http://www.kunstmuseum-hasemann-liebich.de

Die Kuckucksuhr ist zwar überall zu Hause und weltbekannt, doch ihre Heimat ist der Schwarzwald. Kuckucksuhren in allen Formen und Farben, modern oder klassisch, Conny und Ingolf Haas , Geschäftsinhaber der Schwarzwald-Uhrenmanufaktur Rombach und Haas in Schonach erfüllen fast jeden Wunsch. Mit acht Angestellten produzieren sie nun schon in der vierten Generation ca. 6.000 Uhren im Jahr.
Vom Logo über Namen und Jubiläen bis zu ganzen Stammbäumen, alles kann auf dem Korpus einer Uhr verewigt werden. Für die Kunstwerke zahlt man 245,00 bis 10000,00 €.

Einen absonderlichen Wunsch hatte ein Blut- und Bodenliebhaber: Statt des Kuckucks sollte der Kopf Adolf Hitlers aus dem Häuschen treten und möglichst viertelstündlich «Heil» schreien. Das war unserem wackeren Schwarzwälder Haas zu viel. Der Auftrag wurde abgelehnt.
http://www.black-forest-clock.de      http://www.artclock.de

Heimatgefühle erwachen bei der Firma Gebr. Faller. Das Paradies für Modellbaufans, von acht bis achtzig oder, wenn die Hände nicht allzu zittrig sind, auch älter, liegt in Gütenbach. 300 qm Ausstellungsfläche voll Kreativität, Technik und Emotionen. Hier wächst das Heimweh nach der Kindheit, Sehnsucht nach den heilen Mini-Heimatwelten. Auswanderer, die sich nach dem Spielzeug ihrer Kindheit sehnten, gründeten Faller-Fan-Clubs auf der ganzen Welt. So mancher jüngere Bruder wird sich allerdings mit Groll an seine Kindheit erinnern. Durften die Jüngeren doch dem Ältesten, Modellbau- und somit Faller-Fan, nur als Handlanger dienen, und allenfalls die Lok auf die Schiene stellen. Basteln und auch mal auf die UHU-Tube drücken wurde unter Androhung von Prügel verboten.
1000 Angestellte beschäftigte die Firma zu ihrer Blütezeit. Heute fertigen nur noch 95 Menschen Bausätze für die weltweite Faller-Gemeinde. Junges Publikum soll an den Modellbau herangeführt werden. Faller geht an die Schulen, mit Erfolg. Denn was sind schon 200 virtuelle Freunde auf Facebook gegen ein selbst gebasteltes Bahnhofsgebäude vor dem ein «Rotkäppchen» mit einer winzigen, grün blinkenden Signalkelle steht.
http://www.faller.de

Traditionell geht es auch in der Dorotheenhütte in Wolfach zu. Bei 1.400° schmilzt Quarzsand und wird zu flüssigem Glas. Bei einer Führungen erfährt man, wie diese Masse zu traditionellem Bleikristall verarbeitet wird. Täglich findet ein Glasblasen für Gäste statt. Unter Anleitung eines erfahrenen Glasbläsers darf der Besucher in die Glasmacherpfeife blasen und nimmt ein «Kunstwerk» mit nach Hause. Ein Unikat und Geschenk für die hoffentlich dankbaren Daheimgebliebenen.

Doch nicht nur Gläser, Vasen und Schüsseln entstehen aus Glas. Im Glasmuseum der Dorotheenhütte entdecke ich in einer Vitrine einige Glasaugen. Das Augenlicht können sie nicht ersetzen, zwischen dem künstlichen Augen und dem natürlichen Augen kann ein Laie jedoch keinen Unterschied feststellen. Nur sechszig Ocularisten stellen diese Kunstwerke für die ca. 160.000 Augenprothesenträger in der Bundesrepublik her. Jede Augenprothese muss nach einem Jahr ersetzt werden. Die Ausbildung zum Ocularisten dauert sechs Jahre. Neben handwerklichem Geschick sind Fingerspitzengefühl und der Umgang mit Menschen wichtig. Die Branche hat Nachwuchssorgen!
http://www.dorotheenhuette.de

Das Kapuzinerkloster zu Haslach ist die einzige noch erhaltene Klosteranlage im süddeutschen Raum aus der Zeit des 30-jährigen Krieges. Die Anlage lässt die gelebte Armut des Ordens spüren. Das beherbergt heute das Schwarzwälder Trachtenmuseum und «zeigt regionale Trachten in ihrer ganzen Vielfalt, Schätze aus Fest- und Alltag.» Besonders bemerkenswert ist der prächtige Kopfschmuck: Hörnerkappen der Markgräfler Tracht, die Schnapphütchen aus dem Glottertal, Silberkappen aus dem Wolfstal und die Brautkrone, der Schäppel, verziert mit Perlen, kleinen Spiegeln und kunstvollem Silberdraht. Silberner Schmuck, Knöpfe und Silberstickereien verweisen auf die Silbervorkommen im Schwarzwald. Die alte Silbergrube «Segen Gottes» in Haslach gehört zu den bedeutendsten historischen Bergwerken des Schwarzwaldes. Die silbernen Tiefen können erforscht werden, ein einmaliges Erlebnis
unter Tage. Glück auf!
http://www.haslach.de
http://www.besucherbergwerk-segen-gottes.de

Beim Besuch des zauberhaften Schwarzwälder Freilichtmuseums Vogtsbauernhof in Gutach sehe ich ihn in Natura, kann ihn anfassen und darf ihn aufsetzen, den Bollenhut. Frau Aberle, eine der letzten Bollenhutmacherinnen, hat die Grundform aus Strohgeflecht vor sich liegen. Die Hutform muss heute geleimt, geformt und eingegipst werden. Die Bollen wurden immer größer und prächtiger, zu schwer für das früher einfache Strohgeflecht. Aus zwei Kilo Wolle, rot oder schwarz, werden 14 Bollen hergestellt, in Kreuzform auf den Bollenhut genäht und mehrfach beschnitten, um die schöne, runde Form zu erhalten. Eine Woche Arbeit steckt in einem Bollenhut. Getragen werden darf er nur zur Tracht und nur in den Gemeinden Kirnbach, Hornberg-Reichenbach und Gutach. An Fashion Queens, die damit über den Kurfürstendamm spazieren wollen verkauft Frau Aberle ihre Kreationen nicht! Der Bollenhut ist kein touristischer Verkaufsartikel.

Sechs original Schwarzwälder Eindachhöfe, das Tagelöhnerhaus, ein Leibgedinghaus und fünfzehn Nebengebäude wie Speicher, Mühle, Sägen, Kapelle und Hanfreibe repäsentieren einen Streifzug durch alle Regionen des Schwarzwaldes von Süden nach Norden. Allein der Vogtsbauernhof steht seit 1612 auf seinem angestammten Platz. Alle anderen Gebäude wurden mühevoll abgebaut und fanden eine neue Heimat im Freilichtmuseum. Es sind keine toten Museumshäuser. Im Stall stehen alte Haustierrassen, Schafe und Ziegen halten die Wiesen kurz. In der schwarzen Küche brodelt die Rauchsuppe auf dem Feuer, köstlich duftet es im Backhäusel, im Falkenhof wird gebuttert. Der Magen knurrt? Bei einer zünftigen Vesper wird der Hunger gestillt. Besenbinder, Weber, Spinnerinnen, Kuckuckspfeifenbauer und Schnefler (Holzschnitzer für Löffel, Gabeln, usw..), zeigen traditionelle Handwerkskunst. Wasser treibt das Mühlrad an, im Innern wird Korn gemahlen, das Mehl fällt aus dem Mund einer hölzernen Zauberabwehrmaske, dem «», in einen hölzernen Trog. Die sollten vor dem tödlichen Mutterkorn im Mehl schützen. Die Themenführung «Volksglaube im Schwarzwald» erzählt von weiteren christlichen und abergläubischen Zeichen. Das gegenüberliegen «Probierhäusel» gibt Rätsel auf. Unsere wunderbare Führerin, Frau Schmitt, hat natürlich eine Erklärung: in früheren Zeiten wurden die Hochzeiten arrangiert. War ein passender Schwiegersohn oder – tochter gefunden, zog die junge Hoferbin oder der Hoferbe in das Probierhäusel und konnte dort unbeobachtet Besuch empfangen. War die junge Frau dann schwanger freute sich der ganze Hof, die Nachfolge war gesichert, ein Thronerbe unterwegs. Die Hochzeit konnte gefeiert werden. Ein Dank dem Probierhäusel! Ach, was gäbe es noch alles zu sehen, ein Tag ist zu kurz. Ich freue mich auf ein Wiedersehen im Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof, der in Kürze auch bequem mit der Schwarzwaldbahn zu erreichen ist. Die Haltestelle vor seiner Tür ist im Bau.
http://www.www.vogtsbauernhof.org

Diese Reise hat gezeigt, Heimat, das sind Gefühle, Gerüche, Geschmack, Klänge. Rührende Erinnerungen an die Kindheit: Omas Einweckgläser mit Kirschen und Pflaumen auf dem Schrank, der Geschmack des Zwiebelsaftes auf der Zunge, der den Husten linderte, die Gänsehaut während der Schummerstunde in der Märchen und Sagen erzählt wurden. Lieder, die schon Oma und Mama täglich sangen.

Zum Schluss kommt Frank Zappa zu Wort: «Home is where the heart is!»