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60 Jahre Badische Weinstraße 1954 – 2014

Von sagenhaften Frauenzimmern zu Vierteleschlotzern und «Geprannt Weyn»

Badische Weinstraße

In der Vorbergzone des Schwarzwaldes schlängelt sich eine Genussroute durch bezaubernde Fachwerkgemeinden, lauschige Winzerdörfer und Weiler. Rechts und links gesäumt durch mehr oder minder steile Weinberge, Anbaugebiet für einige der besten Weine Deutschlands.

Zum 60. Geburtstag im Mai erwacht diese Traumstraße des Weines aus ihrem Dornröschenschlaf und ruft ihren älteren Geschwistern im Elsass und der Pfalz zu: «Ich komme! Und ich wachse!» Die rund 200 km, die sich von Baden-Baden nach Weil am Rhein um Kaiserstuhl und Tuniberg winden, werden auf rund 500 km verlängert und führen durch den Kraichgau, über Karlsruhe und Heidelberg bis in die Badische Bergstraße. Allein im Monat Mai sind mehr als 150 Aktionen geplant. Die Auswahl ist beindruckend. Kein Topf, der nicht den passenden Deckel findet. Fündig wird man im neuen Internetauftritt unter www.badische-weinstrasse.de

Zahlreiche Gemeinden, Winzergenossenschaften und Weingüter gratulieren und bitten in ihre Winzerkeller. Kundige Weinguides begleiten auf Weinwanderungen. Weinfeste, Hoffeste und gemütliche Hocks laden zum Feiern ein. Als Hock bezeichnet man im alemannischen Sprach- und Kulturraum das Zusammensitzen bei Speis‘ und Trank. Hock ist wahrscheinlich die Kurzform vom noch gebräuchlichen Wort «Hockete» für «Zusammensitzen, Sitzerei». Badisch ist doch gar nicht so schwer!

Bei kulinarischen Weinverkostungen überbieten sich die Köche der Dorfgasthäuser, Landhotels und besternten Restaurants, ihren Auszeichnungen Ehre einzulegen. Da leuchten die Sterne, die Varta-Diamanten glitzern, Kochlöffel, Hauben und Feinschmeckerpunkte zieren Gasthausschilder und Speisekarten. Kein noch so kleiner Ort, der sich nicht mit einem ausgezeichneten Küchenchef schmücken kann. Auf www.kulinarisch-schwarzwald.info kann der Hungrige zwischen Bibliskäs und Brägele, Flammkuchen und Hausmacherwurst wählen. Jedes Geschmäckle wird versorgt.

Bilder aus Kindertagen sitzen unauslöschlich im Kopf fest. Höre oder lese ich das Wort Wein, sehe ich einen großen Bottich voller Trauben vor mir. Männer und Frauen in geschürzten Beinkleidern und Röcken pressen darin mit – natürlich – reinlichen Füßen den Saft aus den Trauben. Nur arme Winzer, die sich eine Weinpresse nicht leisten konnten arbeiteten mit Fußkraft. Dieser archaische Brauch wird leider nicht mehr gepflegt.
In den 50iger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde diese menschliche Weinpresse aus hygienischen Gründen verboten. Vielleicht ein Tipp für das rührige Netzwerk, das Tourismus und Weinwirtschaft bilden, diesen Spaß für Besucher anzubieten. Es wär‘ eine Mordsgaudi.

Mit 15.400 h hat Baden die drittgrößte Weinanbaufläche in Deutschland. 12.500 ha schmiegen sich an den Westrand des Schwarzwaldes und bilden das Badische Weinland. Schon die Kelten und Römer pflanzten hier ihre Reben an.

Neuweier ist eine der drei Gemeinden, die das Baden-Badener Rebland bilden. Man stärke sich im Landhotel Traube www.traube-neuweier.de mit einer köstlichen mit Trockenpflaumen gefüllten Perlhuhnbrust und lausche dem fabelhaften Koch und Geschichtenerzähler Kuno Baumann. Um Mitternacht kredenzt Herr Baumann ein sogenanntes «Panik-Achtele», das letzte Glas Wein vor dem Bettgang.

Robert Schätzle rütteltAm nächsten Morgen führen der Weinguide Octav Reutter und der Winzer Robert Schätzle durch die Neuweier Weinberge. Viele Rebstöcke sind auf Hanglagen gepflanzt, die bis zu 70% Steigung aufweisen. Gehalten werden sie von Trockenmauern. Je steiler die Hänge, desto schmaler sind die Terrassen, die einen Maschineneinsatz kaum möglich machen. Der Erhalt der Trockenmauern ist eine Herzensangelegenheit von Robert Schätzle. Sie prägen die Landschaft, stabilisieren den Boden und sind Teil des Ökosystems. Rund 15 ha Rebfläche werden von dem leidenschaftlichen Önologen und Qualitäts- fanatiker Robert Schätzle und seinen Mitarbeitern gepflegt. Wahrlich ein «Großes Gewächs» mit zahlreichen Auszeichnungen wächst auf den zwei sehr steilen Monopollagen: der geologisch besondere «Schlossberg» und das «Goldene Loch» . Böden aus Granitverwitterungsgestein, Quarzporphyr und Schieferton bieten dem Riesling beste Bedingungen. www.weingut-schloss-neuweier.de

Das Weingut Andreas Bieselin, erst 2002 vom damals 22-jährigen Andreas Bieselin in Ettenheim gegründet zählt zu den jüngsten Betrieben in Baden. Nach Lehrjahren in Malterdingen und der Toscana bearbeitet er, möglichst naturnah, nun in Ettenheim 5 ha. Die Qualität seiner Weine erreicht er ausnahmslos durch Handarbeit, intensive Pflege der Rebstöcke, sowie deutliche Reduzierung der Erträge. Bieselin ist ein Querdenker. Und präsentiert ungewöhnliche und eigenständige Weine auf hohem Niveau. Der Weinpapst Stuart Pigott zählt das Weingut zu den besten New Generation Winzern von Deutschland www.andreas-bieselin.de

Auf dem Ettenheimer Kaiserberg bauen die Webers auf 15 ha Wein an. Das Schwergewicht liegt auf den Burgundersorten. Seit 2008 leitet Sohn Michael das Weingut.Vom stilvollen, nordisch inspirierten Verkaufsraum blickt man in die Weinberge und in die Produktionsbereiche im Weinkeller, wo Holzfässer gleichberechtigt neben Edelstahltanks stehen. Tochter Stefanie, Slow Food Mitglied und Michelin geehrt, gehört zu den jungen Spitzenköchen der Ortenau. Von der Terrasse des Restaurants hat man einen weiten Blick über das Rheintal. Vater Werner und Mutter Margot halten sich im Hintergrund. Ihr Credo: Die Kinder einfach machen lassen. Zum Weingut gehören ca. 450 Walnussbäume, eine der größten Walnussplantagen Südbadens. Um Johanni wird geerntet, und in der eigenen Brennerei der köstliche Johanni-Walnuss Geist gebrannt. Eine Köstlichkeit! www.weingut-weber.de

Das Städtchen Ettenheim mit einem barocken Altstadtkern ist bekannt durch den in die «Halsbandaffäre» verwickelten, berühmten Kardinal Louis René Edouard de Rohan-Guémé, der von 1789 bis zu seinem Tod im Jahre 1803 in Ettenheim lebte und im Chor der barocken Pfarrkirche St. Bartholomäus bestattet wurde. Die Stadtführerin Heike Labusga erzählt auf dem Barock-Rundweg vom Wein und der Geschichte Ettenheims. www.ettenheim.de

Und dann tauchen die ersten Frauenzimmer auf: in Ettenheim, in der Gärtnerei Jäger stellt Frau Franck-Jäger die «Frauenweinproben» vor. Seit 13 Jahren kommen dort Frauen, allein oder in Gruppen zweimal im Jahr zusammen. Sie verkosten die Weine der sechs Ettenheimer Weinbaubetriebe und können sich z.B. beim Wechseln der Autoreifen handwerklich betätigen ohne dass ihnen der Gatte oder Gspusi vorschreibt, wie sie den Hammer zu halten haben. Auf den ca. 1.000 qm der wunderschönen Gärtnerei Jäger präsentieren sich jeweils vier Firmen aus den verschiedensten Bereichen wie Sport, Kosmetik, Ernährung usw. Die beliebten Frauenweinproben sind weit über die Grenzen Ettenheims bekannt und die Karten in Windeseile verkauft. Die nächsten Termine finden sie unter www.gaertnerei-jaeger.de oder www.winzergenossenschaft-ettenheim.de

Zwei weitere Frauenzimmer, die Winzerin Doris Kist und die Journalistin Beate Kierey, beide erfolgreiche Wein-Guides, laden zur Veranstaltungsreihe «Affentaler Frauenzimmer» in die Räume der Affentaler Winzergenossenschaft ein. Das Angebot gilt allerdings nur für Frauen. Bei «Wein & Weinkrimis» erzählen die Frauenzimmer, dass Weintrinker nicht nur gemütliche Vierteleschlotzer sind. Sie haben auch ihre dunklen Seiten. Mit einem heißen Schokoladenguss überziehen sie ihre Opfer und lassen sie qualvoll sterben. Schaurig, schaurig! Da bevorzuge ich doch lieber die hausgemachte Mousse au Chocolat mit Eierlikör-Vanilleschaum und den dazu passenden Riesling Eiswein «Selektion Leo Klär» der Affentaler Winzergenossenschaft. Nebenbei lernt man, welcher Wein mit welcher Speise harmoniert und findet unter den Affentaler Weinen sicher den geeigneten Wein für Braten, Fisch oder Gemüse. Infos und Termine unter www.affentaler.de

Mit leichtem Gruseln fahre ich auf die Burg Windeck und bette mich in der Kemenate der Ursula von Windeck zur Ruhe. Durch meine Träume geistern die goldenen Äffchen auf den Weinflaschen. Ich wehre mich verzweifelt gegen den Kuverturenüberzug. www.burg-windeck.de

Gruselig geht’s weiter. Auf dem Rundweg durch’s mittlere Achertal hoch über dem Rotweindorf Kappelrodeck liegt der Dasenstein, Felsen wie von Riesen hingeworfen. Ein Pfad führt hinauf zu einem dunklen Einlass. Eine krächzende, Beschimpfungen ausstoßende Frauenstimme lässt den Wanderer erstarren. Eine hagere, grauhaarige Gestalt stürzt den Pfad hinunter. Die Hex‘ vom Dasenstein ist erwacht. Die rührige Winzerin Doris Baßler hat ihr Leben eingehaucht und erzählt auf sagenhaften Wanderungen die Mär vom verstoßenen Ritterfräulein.. www.sagenhafte-wanderung.de

Die Rotweine des 1934 gegründeten Winzerkellers «Hex‘ vom Dasenstein» zählen zur Spitze des deutschen Weinbaus und lassen die Herzen der Rotweinfreunde höher schlagen. Vielfältige Veranstaltungen wie die Weinverkostungen im Winzerkeller, eine verhexte Hüttengaudi in der Dasensteinhütte und ein Blütenfest zu Ehren von Bacchus und Burgunder locken nach Kappelrodeck. www.dasenstein.de00

Vom Wanderweg blickt man auf das weiße Blütenmeer der Obstbäume rund um Kappelrodeck. Grundstoff des «Geprannt Weyns», der geistvollen Brände und Liköre der Manufaktur Weisenbach. Enkelin Bärbel Sättler und ihre Söhne brennen noch heute Ihre Wässerle und Geiste nach dem Wahlspruch des Gründers Adolf Weisenbach «Was auf der Flasche draufsteht, ist in der Flasche drin.» Brennmeister Michael Sättler erklärt im historischen Brennkeller den Unterschied zwischen Obstbrand oder -wasser und Obstgeist. Beim Obstbrand werden vollreife Früchte, meist Stein- und Kernobst, die viel Fruchtzucker enthalten, zuerst zu einer Maische vergoren und dann destilliert. Weist das Ausgangsmaterial wenig Fruchtzucker auf, z.B. Beerenobst, wird es zunächst in Alkohol eingelegt und anschließend zu einem Geist destilliert. Bevor aber das edle Getränk aus der Brennblase fließt braucht es Geduld und Erfahrung des Brennmeisters für Raubrand, Vorlauf, Mittellauf und Nachlauf. www.brennerei-weisenbach.de

Durch das napoleonische Erbrecht, das besagt, dass auch Land und Reben gleichermaßen auf die Nachkommen verteilt werden müssen, kam es zu einer unendlichen Parzellierung der Weinbergsflächen. Trotz harter Arbeit – vom Rebschnitt im Winter, über das Biegen und Heften im Frühjahr, die Laubarbeiten im Sommer und die aufwändige Handlese im Herbst – mussten immer mehr Winzer ihren Lebensunterhalt woanders verdienen und wurden zu Nebenerwerbswinzern. Die Geburtsstunde der Winzergenossenschaften schlug. Die Winzer schlossen sich zusammen um ihre schwache wirtschaftliche Stellung zu verbessern. Bereits 1821 gab es in Baden erste landwirtschaftliche Vorschussvereine. Heute produzieren 179 Winzergenossenschaften rund ein Drittel des Deutschen Weines und bieten ihren Mitgliedern ein sicheres Einkommen.

Die Oberkircher Winzer e.G ist mit 480 ha Rebfläche die größte Ortenauer Erzeugerorganisation. 559 Winzerfamilien zeigen, dass Größe nicht zu Lasten der Qualität gehen muss. Sie sorgen mit Herzblut und Gemeinschaftsgeist für die Erzeugung von bestem Traubenmaterial. Frank Männle, ein junger Qualitätsmanager berät die Winzer und hilft bei der Umsetzung von Innovationen. Eine Innovation ist auch die «Sensorische Weinverkostung im Dunkeln». Wein, bei diesem Exempel ein Riesling, bei blauem Licht genossen wird zu Wasser für Augen, Nase und Mund. Wie herrlich aber kitzelt ein gelbliches oder grünliches Licht die Vorzüge des Rieslings hervor. Fruchtigkeit, Frische, Apfel- und Pfirsicharomen erfreuen den Gaumen.
Aber bitte eilen sie nun nicht ins nächste Elektrogeschäft und erstehen eine Rotlichtlampe, um aus einem Riesling einen vollmundigen, samtigen Spätburgunder zu zaubern. Das klappt leider nicht. www.oberkircher-winzer.de

Direkt am romantischen Mühlbächle in Oberkirch liegt das Weinhaus vom Weingut Julius Renner www.juliusrenner.de. Es gibt nichts Schöneres als an lauen Sommerabenden die hauseigenen Weine und badische Spezialitäten in der Weinlaube zu genießen und dem Rauschen des Wassers zu lauschen. Wer lieber Abenteuer erleben will meldet sich zur Weinberg-Safari an. Im Landrover düst man zu den schönsten Aussichtspunkten des Renchtals und wird mitten in der Natur mit einer Weinprobe und einer kleinen Vesper verwöhnt. Ich mag’s lieber etwas gemütlicher und erklimme zur rollenden Weinprobe die Kutsche der Familie Spinner. Peggy und Moritz, die gutmütigen Schwarzwälder Füchse, schwenken ihre hellen Mähnen und traben unbeirrt vom Fahrzeugverkehr durch Oberkirch. Auf dem Weg in die Weinberge äußere ich meine Sorge, ob zehn nicht gerade schlanke Menschen plus Weinflaschen nicht zu schwer für die Pferde sind. Herr Spinner beruhigt mich. Die alte Pferderasse wurde für die schwere Waldarbeit im Schwarzwald gezüchtet und musste sich bei harter Arbeit sowie begrenztem Futterangebot im harten Winter des Südschwarzwalds bewähren. «Unser Ausflug ist ein Zuckerschlecken». Ich nehme es wörtlich und belohne Peggy und Moritz nach unserem Ausflug mit etlichen Zuckerstücken und eilends erstandenen Mohrrüben. www.pferdestall-spinner.de

Als letzte Station meiner Reise auf der badischen Weinstraße erwartet mich Offenburg mit dem «Genussreigen 2014» . Im Salmen-Saal präsentieren sich 15 Weinbaubetriebe aus dem Weinbauparadies Ortenau. Zudem ermöglicht ein spannender Rundgang durch die historischen Gewölbekeller einen besonderen Einblick in die Stadtgeschichte. www.weinparadies-ortenau.de

Eins habe ich mir fest vorgenommen: im Herbst führe ich meine Erkundungen der badischen Weinstraße fort. Liebe Winzer, lasst mich bei der Weinlese helfen. Nur zu steil darf’s nicht sein.x

Leckeres von der Weinstraße