Reisezeitschrift für Deutschland, Europa und Welt

Abonniere Sie unseren Newsletter.

lights off

Motiv: zwei gegenüberliegende Garagenreihen, Licht einer fahlen
Straßenlaterne, spärlich ergänzt durch Scheinwerfer.
Szene: alter Herr mit Taschenlampe biegt um die Ecke, geht an der
linken Garagenreihe entlang bis etwa Mitte, öffnet ein
Garagentor und leuchtet hinein.

Eine Einstellung. Kein Text. Ganz einfach.

Entspannt in der milden Nachtluft steht das Team nach dem heißesten Tag des Jahres an der Rückwand des Garagenhofes und sieht dem Drehende entgegen. Geschafft! Hinter ihnen liegen zwei Sauna-Tage in einer 4- ZiKDB- Wohnung mit einem sehr betagten Schauspielerpaar, altersmäßig passend zusammengecastet, wobei der männliche Partner zunehmend ins Improvisieren verfiel. Eigentlich hatte er von Anfang an den Support aller Abteilungen auf eine Weise gefordert, die weit über den Rahmen selbstverständlicher Professionalität hinausging und den Produktionsleiter ans Set eilen ließ, wo dieser dann kopfschüttelnd neben einen Scheinwerfer geklemmt in der Küchenzeile hockte und verfolgte, wie sich der alte Herr in der Diele zum sechsten Mal am Telefon mit einem falschen Text meldete.

«Macht nichts, Johannes» rief der , «das schneide ich» und noch mal: «Bitte!»

In der einführenden Besprechung, bereits im Motiv, hatte der schmächtige Senior, im Rücken 60 Jahre Bühnen- und Filmerfahrung, den Anwesenden mit feinem Lächeln erklärt, manches brauche etwas Zeit. Unklar blieb, ob damit Qualität als solches oder der Akteur selbst gemeint war. Wohlwollend signalisierten alle Zustimmung und ließen die kleine Irritation auf sich beruhen.

Erheblich belastend waren die gefühlten 50 Grad Raumtemperatur, für die Schauspieler noch verschärft durch herbstliche Kleidung. Man hatte ihnen ein Wohnmobil mit Aircondition vor das Motiv gestellt, was die alte Schauspielerin hell begeisterte, ihren Kollegen aber nicht weiter beeindruckte. Er verzog sich auf einen Campingstuhl unter einem Baum. Viel Gelegenheit zum Abkühlen gab es sowieso nicht, die schnellen Umbauten reichten gerade mal für eine Toilettenpause und zum Wassertrinken, wozu der alte Herr immer sanft überredet werden musste.

Kurz nach 14 Uhr, noch in größter Mittagshitze, war er dem Transporter entstiegen in einem weiten kiwi-gelben Mako-Feinripp-Unterhemd mit verblichenem schwarzen Aufdruck, dessen Armlöcher bis fast an die Taille reichten, hineingestopft in eine alte verwaschene Karottenjeans. Er zog aus einer Plastiktüte ein Paar abgetragene Herrenstiefeletten mit ca. 4 cm Absatz, die er dem Kostüm anbot, weil die ausgesuchten Schuhe, ebenfalls seine privaten, einen kleinen Riß in der Naht hatten. Die Garderobiere lehnte ab und musste sich im Gegenzug darauf einlassen, auf Hosenträger bei der Kostümhose zu verzichten. Dies und der Wasserservice verschafften ihr Dauereinsatz an diesem Tag.

Es gab wenig Dialog und wenig Bewegungen im Raum, aber viele Zusatz-Takes wegen kleiner Pannen und einen Raubüberfall auf das alte Paar, d.h. den Einsatz von zwei schwarz gekleideten Stuntmännern.

Selbstbewußt und durchtrainiert absolvierte der Jüngere der beiden mit der alten Dame ein paar Stuntproben, bis sie sich vertrauensvoll von ihm aus dem Sofa reißen, schütteln und wieder zurückwerfen ließ. Sie war weit in den 70igern, neugierig und zeigte sich rasch angetan von soviel kraftvoller männlicher Führung, während die Regieassistentin vergrätzt registrierte, dass die Stuntleute, besonders der Jüngere, es blitzschnell geschafft hatten, die gesamte Inszenierung an sich zuziehen.

Obwohl ebenso geschickt wie der Erste, gelang es dem zweiten Stuntman weniger gut, den alten Herrn telegen zu misshandeln, weil dieser schon bei der ersten Berührung jegliche physische Präsenz verlor und immer schnell aus dem Bild rutschte, statt sich zu wehren. Auch akustisch blieb sein Protest undramatisch, eher spiegelte er die Rolle der Kollegin, die parallel dazu einen tödlichen Asthma-Anfall mimen musste, eine Szene, der sie trotz (oder wegen?) umfassender Recherche mit großer Nervosität entgegen gesehen hatte und gut vorbereitet dann beängstigend perfekt hinlegte. Das Hauptanliegen des alten Schauspielers war, hatte er vor Drehbeginn geäußert, Tränen zu zeigen in der Szene, in der er sich über seine tote Frau beugt, und er war sich nicht sicher, ob ihm das gelingen würde.

Mit geduldiger Feinarbeit erreichte der Regisseur, doch noch Dynamik in die sensible Sache zu bringen und wie ein Fußballtrainer am Spielfeldrand die Energien des alten Herrn zu pushen, so daß dieser sich in seinem Sessel unter dem brutalen Griff von Stuntman II mit lauten Hilfeschreien gegen die Eindringlinge stemmte und sich in Sorge um die Ehefrau wand, bis schließlich ausreichend Material gedreht war und das sogar im Zeitplan.

Jetzt war nach Mitternacht: nur noch ein Gang und ein Blick in die Garage.

Das Set ist geleuchtet, die Kamera bereit, das Team steht am Ende der Garagenhofes,

der Regisseur ruft «und BITTE!» – nichts passiert.
nochmal «BITTE»! – niemand kommt.

«Er hört dich nicht» sagt die Regieassistentin. Der Ruf dringt nicht bis an den Anfang der Garagenreihen, wo der alte Schauspieler auf den Auftritt wartet.

Ihm wird der Praktikant zur Seite gestellt, der ihn auf erneutes «BITTE» mit sanftem Schulterklopfen auf den Weg Richtung Kamera bringt. Obwohl über 80jährig, hat der alte Herr einen guten stabilen Gang, hält die Spur, wunderbar, wenn er dabei nicht gedankenverloren die Taschenlampe hin- und herschlenkern würde – « STOPP!
Johannes, danke, das muss zielstrebiger aussehen, wir machen`s noch mal».

Auf ein Neues. «BITTE», Schulterstubser, Abgang, Taschenlampe jetzt richtig, der alte Herr geht die Garagen entlang – und verblüfft alle, weil er erst kurz vor dem Team stehenbleibt.
Hat ihm denn niemand gesagt, daß er vor Garage Nr. 5 halten soll? eigentlich schon – « Johannes, du musst zählen, Tor Nr. 5, da ist offen!»

und wieder: «BITTE», Losgehen, Gang und Taschenlampe OK, eins-zwei-drei-vier-fünf …..sechs.
STOPP! Der alte Herr steht vor Garage Nr. 6, immerhin, trotzdem knapp daneben, «Das geht so nicht», sagt der Regisseur, «wir brauchen ein Schild».

Blitzeinsatz von Requisite und Ausstattung, Schilder werden angeklebt. Man genießt die kühle Nachluft.

Wieder auf Anfang. «BITTE», Abgang, das Tapp-Tapp-Tapp der Schritte, die Taschenlampe schielt leicht nach rechts unten, und gerade, als er die richtige Garagennummer passiert, folgt der Blick des alten Herrn dem Lichtkegel – so marschiert er am Tor vorbei.
Leichte Fassungslosigkeit macht sich breit.

Die hilfsbereite Requisiteurin reißt etwas aus dem Gebüsch im Hintergrund. «Johannes, sieht du diesen kleinen Zweig? Den lege ich jetzt vor die Garage, und wenn du ihn siehst, bleibst du stehen und ziehst das Tor auf – ja?»

Position einnehmen, «BITTE», Klapps auf die Schulter, immer noch stabiler Gang, Taschenlampe beleuchtet den Boden, eins-zwei-drei-vier….FüNF! Der alte Herr bleibt stehen! Super! Wendet sich der Tür zu, dreht den Griff, zieht – zieht noch mal – reißt mit aller Kraft! Und kriegt das Tor nicht auf. Er wirft einen ratlosen Blick zum Regisseur, der ruft : «DANKE ! kein Problem, Johannes, das schneide ich» und die Regieassistentin meldet: «gestorben!»

Der Ausstatter spurtet zur Garagentür um zu klären, warum sie sich nicht öffnen ließ, was aber niemanden mehr interessiert, weshalb es gleich zum letzten Umbau übergeht: Auto raus, Kamera innen vor die Kühlerhaube, Auto rein, Kofferraum und Garagentor offen.
Davor wird der Schauspieler plaziert, man sieht nur Kopf mit Kappe im Gegenlicht – diesmal geht wirklich alles rucki-zucki,«DANKE! DREHSCHLUSS! »

Während der alte Herr verabschiedet wird -«Gut gehalten, Johannes!» – bauen die Beleuchter die Schweinwerfer ab.

 

Gisa Brost (Gast Autorin)