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Barockes Flair und klingende Dosen

Land der 1000 Hügel – -Stromberg

Der Zug entfernt sich von in Richtung Süden und gleitet durch eine Hügellandschaft.
Dicht bewaldete Höhen, manchmal gekrönt von einem Burgturm oder einem Mobilfunk-Mast. In den Ebenen Maisfelder, Obstbäume, viel Grün, Orte mit spitzen Kirchtürmen, zweigeschossigen Häuschen. Langsam lichtet sich der Nebel, durch diffuses Licht konturieren Sonnenstrahlen die verschlafene Landschaft und die Ortschaften, und endlich ist sie vollends da, die Sonne, und der Zug hält in .

Bruchsal liegt in Baden, auf halber Strecke zwischen Heidelberg und und punktet mit barocker Architektur, historischen Ortsteilen und Spargelfesten, zu denen nicht nur die heimischen Rieslinge, sondern auch besondere Schnäpse produziert werden. Umgeben von Anhöhen mit - und Obstanbau und Spargelfeldern, ist es für uns der Eingang in die Region Kraichgau-Stromberg, Ein kleines „Mini-Badenwürttemberg“, oben begrenzt durch den , zur rechten eingerahmt vom Neckar mit Heilbronn, unten markiert durch die romantische Enz, ehemals Flößer-Flüßchen, 30 km oberhalb von Stuttgart.

Haarscharf paßt der Bus durch den Torbogen zum Vorplatz des imposanten Barockschlosses, einer dreiflügeligen Anlage mit insgesamt 54 Einzelgebäuden und großem Schlosspark.
Die Residenz des damaligen Fürstbischofs von Speyer wurde von 1720 – 1743 nach dem Vorbild Versailles erbaut. Viel Stuck, Marmor und Stuckmarmor. Herzstück: das prachtvolle Treppenhaus mit Grotte und Kuppelsaal (Treppensaal) auf ellipsenförmigem Grundriss, gestaltet vom berühmten Baukünstler Balthasar Neumann. Die Wölbung der Kuppel wird verstärkt mithilfe optischer Täuschungen in der Deckenmalerei, typisch für Barockschlösser, und indirekter Beleuchtung durch sechs kleine Fenster, nicht sichtbar von unten, weil hinter einer Wölbung versteckt.

In diesem festlichen Rahmen begrüßt uns Winzer Ulrich Klumpp mit einer Köstlichkeit seines Weinguts, das er seit 30 Jahren mit seiner Familie führt. Leidenschaft zum Wein, zur Natur und vor allem zu den Rebstöcken, sagt er, sei die Motivation, die seinen Betrieb in die Reihe der Spitzenerzeuger befördert hat. Im „zwischendurch sehr heißen Klima“ betreibt er ökologischen Weinbau und freut sich mit uns über seinen apricotfarbenen Rieslingsekt, der in den Gläsern perlt («wunderschöne Gelbfleischigkeit»)

Der Erbauer des Schlosses, Kardinal Damian Hugo von Schoenborn, schätzte den Wein auch als Zahlungsmittel: er nahm von seinen Untertanen die Steuer, „der Zehnte“, in Form von Wein ein und lagerte ihn in den großen Weinkellern unter dem Hauptgebäude. Es gab einen blühenden Export, auch wurden seine Staatsbediensten z.T. in Wein entlohnt – je höher der Rang, umso besser die Weinqualität.

Daß diese Schloßanlage aus 54 Einzelgebäuden besteht, ist begründet in der Sorge des fürstbischoflichen Erbauers, in Kriegszeiten könnte alles in Flammen aufgehen. Die „Zerlegung“ der Anlage sollte davor schützen. Das gelang bis zum 1. März 1945, als ein Fliegerangriff nur noch Außenmauern stehen ließ.

Liebevoll und detailgetreu wurde nach originalen Plänen wiederaufgebaut und heute läßt sich im spätbarocken Prunkraum viel echtes Gold und echter Marmor bewundern, auch – ebenfalls in historischer Mischung – solcher aus Lehm, Gips, Sand, Wasser und Farbe. Perfektes Kunsthandwerk wird gekrönt von opulenter Deckenbemalung. Durch hohe Fenster fällt der Blick in den weiten Barockgarten. Pompös !

In einem Flügel des Hauptgebäudes befindet sich das Deutsche Musikautomatenmuseum mit 400 bis 450 selbst spielenden Instrumenten. Ein Großteil entstammt einer Privatsammlung, die im Jahre 1983 mit Lotto-, Toto- und Spielbankgeldern erworben wurde – ein Hoch auf die Spieler! Neben Spieldosen, Figurenautomaten und Musikboxen sehen wir eine schrankgroße Welte-Orgel, die ursprünglich für den Luxus-Liner Titanic gebaut wurde. Wegen verspäteter Fertigstellung liegt sie nun nicht 3803 Meter tief auf dem Meeresgrund, sondern präsentiert sich als eines der Groß-Exponate gleich im Eingangsbereich und kann immer noch erklingen. Einen Raum weiter läßt Herr Kreiss, der uns durch die Ausstellung führt, einen riesigen buntbemalten Jahrmarktsautomaten mit lebengroßen Holzfiguren dröhnen: die „Bacarole“ aus „Hoffmanns Erzählungen“, bei Konstruktion des Instruments sicher ganz modern.
Eigentlich heute noch ein „Hit“, hier mit etwas viel wum-wumwum-Dreivierteltakt. Ein anderes Modell, ebenso gewaltig, darf der Besucher eigenhändig und tempovariabel zum Ertönen („Klingen“ wäre falsch) bringen durch Drehen einer Kurbel – macht großen Spaß! Auf vielen Automaten findet sich der Name „Bruder“- dahinter stehen sechs Familenbetriebe aus Waldkirch im Breisgau mit maximal 20 Angestellten, die in der Zeit zwischen 1800 und 1930 der Musikautomatenproduktion zu großer Blüte verhalfen. Das Ende brachten 1930 die Weltwirtschaftkrise und dann der Siegeszug des Grammophons, was zu diesem Zeitpunkt bereits 40 Jahre alt war. Heute unvorstellbar, bemerkt der Ausstellungsführer, daß technische Neuerungen so lange unbeachtet bleiben.

 

Gisa Brost (Gast Autorin)