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PANAMA – BOCAS

Auszug aus dem Buch „ in Film, Fernsehen und Theater“
von Riccarda Merten-Eicher

 

Nach einem aufregenden Dreh in Panama City reist die Filmcrew weiter nach…
Bocas
Abreise aus Panama City, Ankunft auf der in heißes Sonnenlicht getauchten Insel in der Karibik. Die einzige große Straße ist bunt und lebendig. Oh, wie schön ist Panama! Ich bewohne ein bezauberndes Haus auf Stelzen mitten im Urwald. Das nächtliche Brüllen der Affen und die Fledermausschreie sind mir bald vertraut. Zwei Tage Sonnenschein und das Team hat frei. Gabi meine Assistentin und ich bereiten vor, genießen aber auch einen, den einzigen Tag, am goldenen Strand mit blauem Horizont, ganz geblendet von der Schönheit der Natur. Unser alter Schatzsucher entdeckt schnell seinen Platz in einem windschiefen Café über dem Wasser und man findet ihn an drehfreien Tagen auf dem durchgesessenen Sofa. Die Zeit ist hier stehengeblieben und uns holen die Erinnerungen ein. Chris, der Schiffseigner unserer «Marita», dem Schiff der Schatzsucher, turnt in kurzen Hosen barfuß mit verblichenem T-Shirt an Bord herum. Besser hätte ich es mit der Rolle nicht treffen können, denn so sieht unser «Skipper» auch aus.
Und dann lernen wir den Tropenregen kennen. Hätten wir nur an den Sonnentagen gedreht! Es werden die einzigen gewesen sein. Die Regenzeit ist also nicht vorbei! Es schüttet kübelweise aus dem grauen Himmel. Der Zuschauer am Sonntagabend will aber die himmelblaue Karibik sehen. Dispos werden mit Coversets geschrieben, das heißt, es gibt für jeden geplanten Drehtag eine Variante mit anderen Bildern. Jetzt versuchen wir erst mal alles zu drehen, was nicht draußen spielt. Der Kostümbus fräst sich durch eine mit Wasserlöchern versehene Strandkante. Durch knietiefen Sumpf watend, laden wir aus. An dem Haus auf Stelzen direkt am Meer, einem wunderschönen Motiv, laufen wir stundenlang barfuß oder mit Gummischuhen durch knöcheltiefes Schlammwasser. Nichts ist mehr sauber oder trocken. Na Bravo!
Reißende Wellen, grüngrauer Schaum auf dem Wasser und tiefschwarzgrauer Himmel. «Na, dann nutzen wir das. Wir können nicht anders», lautet die Anweisung, und wir lassen die drei Schatzsucher im offenen LKW durch den Regen fahren. Die Voranschlüsse werden wieder einmal zuerst gedreht. Unsere Wasserspritzen kommen zum Einsatz wenn die Schauspieler das Haus erreichen, um den Anschluss herzustellen. Wir füllen sie mit Eiswasser aus dem Getränkekühlkarren.

Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Sobald es wieder anfängt, rauf auf den Truck. Das ist der Plan. Seit Stunden sitzen unsere zwei Komparsen stoisch in ihrem mit lebenden Hühnern beladenen Truck. Die Kamera bekommt ein Regendach. Dann stürmt es leider, nicht so schön für das Bild. Ein Darsteller will sich zwischendurch doch noch in trockene Kleidung werfen. Die anderen sind tapfer. Ich rutsche auf der nassen Treppe aus und fange mich mit Hand und Schultergelenk auf. Gummistiefel bloß wieder ausziehen. Ohne ist es sicherer. Dann wieder flutartige Güsse. Zum Glück ist es warm. Bei der ersten Einstellung am Truck verreckt der Motor, die Ameisen beißen, der Kameramann rennt fluchtartig ins Meer, und wieder warten wir unter dem Stelzenhaus. Tropfen trommeln zu laut auf das Dach. Der Tonmann ist sauer, und außerdem kleben die Mikrofone weder auf der nassen Haut noch auf den Kostümen. Wasser von allen Seiten. Wir müssen da durch. Die Mädels riskieren Blasenentzündungen. Am Ende des Tages wird der Rum in Strömen fließen.

Tägliche Krisensitzung. So darf die Karibik nicht aussehen! Der Zuschauer will Sonne und Palmen, Delfine und Seesterne und die romantische Seite des Abenteuers. Nur unser haarsträubend stinkendes Dschungelabenteuer nicht.

Tauchszenen mit Darstellern und Doubles stehen an. Das Team drängelt sich einige Tage auf dem engen Boot und einiges wird geschafft. Unter Wasser sieht es grau aufgewühlt aus. Eine Second Unit schießt nur uninteressante Bilder mit Quallen. Pablo, eine Art Hausmeister unserer Wohnanlage hat die Wasserpumpe abgestellt, die Kinder und seine Frau wollen schlafen. Das heißt, die Waschmaschine läuft nicht. Wir waschen in der Nacht mit der Hand und stellen am Morgen um fünf Uhr den Trockner an. Ohne Trockner bleiben die Kostüme nass. Ohne Nähmaschine angereist zu sein, ist auch ein Fehler. Wir kürzen Rippenshirts und Hosen mit der Hand. Es gibt keine Reinigung auf der Insel. Die sich in der Feuchtigkeit auflösenden Anzüge sind kaum mehr für den nächsten Drehtag aufzuarbeiten. Ich schicke sie per Flugzeug nach Panama City zur Reinigung. Das nächste Mal gibt es nur Kunststoffe. Plastik überlebt hier.

Meine Schneiderin aus fragt: «Seid ihr vorangekommen mit dem Familienprogramm oder ist es schon längst ein Katastrophenthriller geworden?» Dann mailt sie: «… was man so erleben kann, wenn man nur einfach seinen Beruf ausübt. Ich hoffe ja immer noch, Euch irgendwie im ganzen Stück wiederzubekommen.»

Fledermäuse und Riesenheuschrecken kreisen in Gabis Haus um den Ventilator, bei mir übernehmen die winzigen Ameisen das Regiment. Ein ganzes Team steht auf Abruf. Milo liegt auf seiner Couch. Freie Tage gibt es nicht, außer an den Regentagen, an denen wir nichts spontan drehen können. Ob es regnet oder die Sonne scheint, ob Tag oder Nacht, das Straßenbild verändert sich nicht. Die Hunde liegen immer träge mitten auf den Straßen. Menschen bewegen sich langsam, lassen sich durch nichts beschleunigen. Zu dritt auf einem unbeleuchteten Fahrrad ist die Regel. Ein Wunder, dass keiner an- oder überfahren wird. Hin und wieder fängt einer an, ein verblichenes Haus auf der Hauptstraße zu streichen. Dabei bleibt es auch. Aus der ganzen Welt treffen sich hier junge Surfer, alte Hippies, verarmte Millionäre, braungegerbte Weltenbummler, die hier Familien gegründet haben. Handwerker aus schätzen die gute Laune und gute Aufträge. Sie denken nur mit Grauen an ihr Leben in Südtirol oder Hamburg zurück. Träge und gewaltlos grooven sie auf den Straßen.

Wir dagegen hüpfen wild im Drehplan herum. Alle Abteilungen disponieren laufend um. Man schaut uns verständnislos zu. Für den folgenden Tag stehen Szenen mit dem Schatzsucherboot und einem Gangsterspeedboot auf der Dispo. Letzteres gibt es nicht, da der Eigner jetzt doch keine Zeit hat. Dann ist das nächste Boot kaputt und ein weiteres, das aber nicht mehr der Grundidee entspricht, wird gefunden. Das Team ist ab 9 Uhr wieder auf standby. Laut prasselt das Wasser auf′s Dach des Hotels. Die Schauspieler sind in Kostüm und Maske und wir warten.

Am Tag zuvor wird der Versuch unternommen, das romantische Schlussbild mit allen Protagonisten auf einer Segelyacht zu drehen. Den blauen Himmel gibt es dann in der digitalen Nachbereitung, denn grau ziehen Wolken auf, aber es tröpfelt nur und ein Wind geht. Einer murmelt: «Das könnten wir auch am Wannsee drehen.» Vom Dingi geht es mit Taschen und Kisten auf′s Traumschiff. Für zwei Schauspieler wäre es das letzte Bild. Sie könnten abreisen. Unser Büro versucht schon, Flüge zu buchen. Der Skipper dreht in den Wind und rollt die Segel aus. Das Vorsegel lässt sich nur halb ausrollen, klemmt und spannt bedrohlich. «Das gibt kein Bild», tönt es vom begleitenden Kameraschiff aus. Abbruch. Was kann denn noch alles kommen?

Am nächsten Morgen der Anruf. Der Regen soll sich nicht auflösen in den nächsten Tagen. Dafür werden wir eingeladen auf einen gemeinsamen Abend im Restaurant. Anstelle eines Bergfestes. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt, als wir in einem der Bretterrestaurants direkt über dem Wasser sitzen. Wir beschwören den nächsten Tag, trinken Caipirinha auf die Sonne und tatsächlich, als wir um fünf Uhr aufstehen, regnet es nicht. Der Dreh mit zwei Booten steht unter einem günstigen Stern. Wir haben gutes Licht und einige Szenen verschwinden unter Beifall im Kasten. Aber bei der wiederholten schnellen Anfahrt und Abfahrt des Gangsterboots verfängt sich ein Seil an der Flanke dieses Schiffs und reißt diese teilweise ab. Und am nächsten Tag ist der einheimische Waffenmeister einfach ohne Absprache abgereist. Warum soll es denn einfacher werden?

Tage, an denen wir morgens warten bis der Regen stoppt, gehen auf die Nerven. Augenringe, Mückenstiche, diverse Verletzungen und der wachsende Rumgenuss lassen uns wie Monster aussehen. Warum sollten wir keinen trinken? Die vom película (span. «Film») sind mittlerweile im Ort bekannt und den Locals immer ähnlicher, etwas verwildert in fleckig ausgeblichener Kleidung, mit auf Arme, Hals und Füße beschränkter Arbeitsbräune laufen wir mitten auf der Straße, kennen jeden Laden und werden überall begrüßt. Wir gleichen uns an. Auf Ansprache hin stehenbleiben, stutzen oder Stirn runzeln, zur Seite gucken und ausatmen, antworten und sich langsam, bedächtig in Bewegung setzen. Das ist der Bocas-Rhythmus. Wir waschen jetzt auch Teamwäsche. Keiner hat mehr saubere Klamotten. Diese amerikanischen Waschmaschinen kennen nur drei Einstellungen – kalt, kalt/warm und warm – und verschonen jeden Fleck. Ein in einer Tasche vergessener Kugelschreiber verursacht die nächste Katastrophe: Das weiße Achselshirt vom einem der ist mit blauen Flecken übersät. Wie durch ein Wunder nur im Rücken und da haben wir das offene Hemd drüber. Diese wunderbare Kreation aus Netz gab es leider nicht doppelt. Unsere Nerven liegen blank. Bilder vom Kanal, schwimmende Landstücke mit Bäumen, die unter Brücken abknicken wie Streichhölzer. Wir bereiten uns vor auf die Rückkehr nach Panama City und die letzten Drehtage. Der Kanal ist seit 30 Jahren zum ersten Mal gesperrt.

Panama City hat übrigens Wassersperre wegen Gefahr einer Überflutung. Die Hotels werden teilweise kein Wasser haben. Schöne Aussichten, unsere Matsch- und Wasserdrehs im Studio dort liegen noch vor uns, und unser vorheriges Apartment mit Waschmaschine und Trockner steht auch nicht mehr zur Verfügung. Ich frage nicht mehr, habe offensichtlich den Panamagroove in mir.

Den vollständigen Artikel und vieles mehr können Sie in dem 2016 erscheinenden Buch

„KOSTÜMBILDNER in Film, Fernsehen und Theater“ von Riccarda Merten-Eicher lesen.