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Ein Erlebnisbericht

Die schönste Jahreszeit, um Schottland zu bereisen, ist der Frühherbst. Morgens liegen leichte Nebelschwaden über den «Highlands», und das Rot der Herbstblätter wird zur Augenweide.
Die Tage sind noch lang, und das milde Klima lädt zum Bummeln ein. Unser Ziel ist Edinburgh , die Hauptstadt Schottlands.

Schon am ersten Tag, den wir mit ausgiebigen Spaziergängen hinter uns gebracht haben, kommt uns etwas komisch vor. Überall auf den Straßen versammeln sich zu später Stunde Menschen, bilden kleine Grüppchen, tuscheln miteinander. Manchmal steht jemand mit einem handgeschriebenen Pappschild in der Mitte, Leute kommen hinzu. Ziemlich zeitgleich setzen sich die Gruppen in Bewegung und verschwinden in dunklen Gassen. Mysteriös, denken wir. Im Hotel ankommen fragen wir am Empfang, ob etwas passiert sei. «Ja wissen Sie denn nicht, Edinburgh ist Geisterstadt!» Genauso «entgeistert» müssen wir geguckt haben. Aber wenn dem so ist, wollen wir am nächsten Tag diesem Mythos auf die Spur kommen. Morgens freuen wir uns erstmal auf das Frühstücksbuffet, das in einem «5 Sterne»- Hotel bestimmt leckere Überraschungen bietet. Hungrig betreten wir den Raum. «Sie werden platziert» meint eine junge, nette Dame. Im Frühstücksraum suchen wir vergeblich das erhoffte Buffet. Frühstück gibt′s nur «á-la-card». Viele Kellner kümmern sich höflich und beflissen um uns. Wir bestellen Kaffe und stöbern in der Karte. Mein Mann entscheidet sich für das «Schottisch komplett», ich bleibe bei «Rührei mit Speck». Wir planen den Tag, lesen Zeitung und halten uns am Kaffe fest. Endlich kommt das ersehnte Essen.
Ich bin zufrieden mit meiner Wahl. Im Gesicht meines Mannes spiegelt sich hingegen Unbehagen wider. Auf seinem Teller liegen Speck mit Spiegelei, Tomate, ein großer Pilz, daneben eine fette Bratwurst und ein undefinierbarer schwarzer Klumpen. Wir rufen den Kellner. «This is black pudding» – eine blutwurstähnliche Spezialität. Mein Mann ist sofort satt. Zum Glück steht auch Marmelade auf dem Tisch.

Schottland ist bekannt wegen seiner vielen Whisky-Brennereien. Wir planen einen Ausflug mit «Verkostung». Der Reisebus ist voll besetzt. Der Tour-Guide, ein junger Mann mit rotem Schopf und vielen Sommersprossen, spricht ununterbrochen in flottem Englisch. Wir haben Mühe, alles zu verstehen. Die Route geht vorbei an alten Schlössern und den zahlreichen Friedhöfen. Wir erfahren, dass früher viele Abtrünnige auf den Marktplätzen unter Applaus der Schaulustigen erhängt wurden. Ein Schauer überkommt uns.

 


Angekommen im Whisky-Eldorado wird gleich mit der Verkostung begonnen. In feucht fröhlicher Stimmung steigt auch die Kauflust für diese edle Spirituose. Voll bepackt mit Einkaufstüten treten wir die Rückreise an. Der Tour-Guide muß jetzt nicht mehr reden, denn hören würde ihn sowieso keiner mehr.

Nach Einbruch der Dunkelheit machen wir uns auf den Weg zu unserer «Geistertour». Die letzten Dudelsackpfeifer, die tagsüber um die Gunst der Touristen «dudeln», packen ihr Instrument ein. Langsam wird es ruhig und gespenstisch in der Stadt. Auch das Schloß oben auf dem Berg sieht in der untergehenden Sonne wie eine Kulisse zu einem Gruselfilm aus. Unser Treffpunkt liegt in der Altstadt, direkt neben einer dunklen Gasse. Unsere Tour-Begleiterin ist eine Frau namens Betty. Sie flößt uns gleich erstmal Angst ein. «Alle schön zusammenbleiben, wer sich da unten verirrt, ist in den Gemäuern hoffnungslos verloren». Wir folgen dem Kerzenlicht, allen voran Betty.

Die Gruppe stolpert durch lange, kalte Gänge mit feuchten Wänden. Wir sehen alte Lagerräume mit Spinnweben, Schatten blicken auf uns herab. Wir lauschen gespannt den Erzählungen der Frau, die von Blut, Krankheiten ,wie der Pest, und Hinrichtungen handeln. Sie verliert sich in ekelerregende Details von blutigen Hirnmassen und abgehackten Gliedern, von unerklärlichen Stimmen, Mördern und Prostitution. Betty läßt nichts aus und vor allem keinen Zweifel an der Existenz der Geister. Ihre Erzählweise geht unter die Haut. Ab und zu läuft uns tatsächlich ein kalter Schauer über den Rücken. Wir stehen dicht gedrängt. Die Kirchturmuhr schlägt Mitternacht, und die «Geister-Tour» ist vorbei. Angekommen in der Realität nimmt nun jeder seinen Weg, auch Betty. Unser führt direkt ins nächste Pub.
Ein Verdauungsschnaps tut jetzt richtig gut.