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Dresden Neustadt

In der Dresdner Neustadt, etwas abseits der Touristenströme, liegt ein einzigartiges Kleinod,«Der schönste Milchladen der Welt».

Vom Hotel in der Grossen Meissner Straße fahren wir mit der Linie 8 vom Halt Neustädter Markt bis zum Albertplatz, steigen dort in den Busersatzverkehr EV11 und fahren bis zur Haltestelle Bautzner/ Rothenburgerstraße. Die «Elektrische» Nr. 11 bleibt zur Zeit im Depot. Die Bautzener Straße ist eine riesige Baustelle. Über Sandhügel vorbei an riesigen Baggern wandern wir zur Bautzener Straße Nr. 79.

Wir öffnen die Tür und tauchen ein in eine Märchenwelt. Ein angenehmer Duft umfängt uns.
Ja, angenehm, Käse kann in dieser zauberhaften Umgebung nicht «stinken»,

Jugendstil

247 Quadratmeter handgemalter, farbiger Fliesen von Villeroy und Boch bedecken Wände, Fußboden und Decke des märchenhaft schönen Ladens. Auf ihnen tummeln sich spielende Kinder. Schmetterlinge umtänzeln Ranken und Blüten. Dazwischen hüpfen Hasen, Vögel und Kätzchen. Weidende Kühe werden von Schäfern und Hunden bewacht. Eine holländische Mühle steht am Meer. Man entdeckt Putten mit Milchkannen und Messzylindern. Fleißige Knaben erklären an technischem Gerät die Milchherstellung. Wappenabbildungen aus England und Amerika erzählen von Lieferungen der «Kondensierten Milch» in alle Welt.

Für die Kinder, damals wie heute, ist dieser Laden ein begehbares Bilderbuch. Schon Erich Kästner berichtet voller Entzücken darüber. Bei jedem Einkauf gibt es immer wieder Neues zu entdecken. Der berühmte, seit 50 Jahren verschollene Milchbrunnen wurde wieder aufgestellt. Früher ergoss sich ein Strom frischer Milch und Buttermilch in die bereitgestellten Becher. Der Brunnen ist leider versiegt und erfreut nur noch das Auge. Man kann die Milch an der Theke kaufen und mit einer Käseauswahl im ebenso herrlich geschmückten Nebenraum an kleinen Tischen genießen.

Auf einer vier Meter langen historischen Keramiktheke werden die köstlichsten Käsespezialitäten aus Italien, Spanien, der Schweiz und vor allen Dingen aus Frankreich angeboten, dem Land mit der größten regionalen Vielfalt. Nicht zu vergessen die Produkte Sachsens. Die meisten Käseprodukte werden aus Rohmilch hergestellt. Die Milch wird nicht erhitzt. Nährwert und hervorragender Geschmack bleiben so erhalten.

Eine originale Jugendstil-Glasmalerei-Decke von 1909 wurde aus einem Chemnitzer Geschäft gerettet und restauriert und schmückt nun den hinteren Ladenbereich, der früher der Milchanlieferung diente. Heute werden dort Pfunds-Produkte angeboten: die berühmte Milchseife, Porzellantassen und -milchbecher und entzückende Stullenbrettchen aus Porzellan.
«Erfinder» dieses Unternehmens war der spätere Geheimrat Paul Gustav Leander Pfund (1849-1923).
Ab 1879 wuchs die Stadtbevölkerung rapide. Die Milchversorgung der Städter erfolgte mit offenen Fuhrwerken, deren Kutscher die ungekühlten Milchkannen bei den Bauern einsammelten und nach Dresden karrten. Zurück fuhren die Wagen, wenig hygienisch, mit stinkenden Küchenabfällen und Altkleidern.

Der 30-jährige Paul Pfund, der als Landwirt schon recht erfolgreich war hatte eine Vision. Sein Ziel war es, die wachsende Stadtbevölkerung sauber und schnell mit Milch zu versorgen. So zog er 1879 mit Ehefrau Mathilde und je sechs Kühen und Schweinen von Reinholdshain nach Dresden.

In seinem kleinen Laden in der Görlitzer Straße konnte man dem Melken der Kühe im Stall durch ein Fenster zusehen. Die Milch wurde durch Tücher gefiltert und gekühlt. Die Kundschaft war begeistert. Das Geschäft musste vergrößert werden, man zog um in die Bautzner Str. 41. Die Firma wuchs und wurde mit dem Eintritt des Bruders, Friedrich Pfund umbenannt in «Dresdner Molkerei Gebrüder Pfund».
1891 erfolgte der Umzug in das Haupthaus in der Bautzner Str. 79.

Das Angebot wurde vielfältiger. Als erster in Deutschland stellte Pfund Kondensmilch her, und exportierte sie ins Ausland. Die Milch für Kranke und Kinder wurde entwickelt. Alle Welt wusch sich mit Pfunds Milchseife. Im Jahr 1900 führte er die Pasteurisierung in seiner Molkerei ein. Die Milchlieferung steigerte sich von 150 Litern pro Tag schnell auf 60.000 Liter.

Alles, was für die Produktion benötigt wurde, stellte die Firma Pfund selbst her. Auf 14.000 qm entstand ein Labor, eine Druckerei für Reklame, Drucksachen und Etiketten, eine Schmiede für die ca. 100 Pferde, die Tischlerei, die Zimmerei, die Schlosserei, eine Konstruktionsabteilung, eine Wagenbauwerkstatt für die Milchfahrzeuge. Die Uniformen der Kutscher wurden in der eigenen Schneiderei genäht und in der Dampfwäscherei gesäubert.

Die leitenden Angestellten wohnten in Dienstwohnungen. Es gab ein Hallenbad, eine Betriebskrankenkasse und einen Kindergarten.
Pfunds Molkerei Pfunds Milchlader auch im Ausland beliebt Oberteil einer Milchzentrifuge Kachel zeigt Putto mit Milchtrunk Stullenbrettchen aus Porzellan

Kachel und Stullenbrettchen Firmenschild von Pfunds Molkerei Kleines Milchmädchen Milchkarren von Pfund der erste Milchladen in der Bautzner Str. 41
Und natürlich den repräsentativen Hauptbau mit den herrlichen von Künstlern entworfenen handgemalten Fliesen der Firma Villeroy und Boch aus Dresden.

Paul Pfund starb 1923. Sein Sohn Max führte bis zu seinem Tod 1950 das Unternehmen.

Von den 50 Filialen in und um Dresden überlebte nur der schönste Milchladen der Welt die Zerstörung Dresdens im zweiten Weltkrieg. Neues Ungemach drohte 1971, laut DDR- Regierung entsprach der Laden nicht mehr den «modernen, sozialistischen Ansprüchen» und sollte abgerissen werden. Doch Johanne Pfund, die Schwiegertochter, konnte durch ihr beherztes Eingreifen den Abriss verhindern.

1972 erfolgte die Enteignung und Verstaatlichung des Betriebes. Der Urenkel, Paul Friedrich Pfund, war bis zur endgültigen Schließung 1978 als Werkleiter tätig. Nach der Schließung wurden Produktionsräume teilweise abgerissen. Aber 16 Gebäude, die unter Denkmalschutz standen blieben erhalten.

Bis zur Wiederentdeckung des Areals Anfang der 90er Jahre lag alles in einem tiefen Dornröschenschlaf. Die Farbenpracht des Käseladens war verblichen, die Fliesen gerissen. Viele Restauratoren und Handwerker arbeiteten mit Geduld und Sorgfalt, um die alte Pracht wieder herzustellen. Seit dem 16. Oktober 1995 erstrahlt das Schmuckstück nun wieder im alten Glanz und ist ein Kleinod Dresdens.

Heute so schön wie damals, wurde er 1998 als «schönster Milchladen der Welt» in das Guiness Buch der Rekorde aufgenommen.

Dresdner Molkerei Gebrüder Pfund GmbH

Bautzner Straße
79 01099 Dresden
Öffnungszeiten Milchladen:

Montag – Samstag 10.00 – 18.00 Uhr
Sonn- und Feiertag 10.00 – 15.00 Uhr
Öffnungszeiten Restaurant und Cafe:

Montag – Samstag 10.00 – 20.00 Uhr
Sonn- und Feiertag 10.00 – 18.00 Uhr

Öffnungszeiten : Angaben ohne Gewähr