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Fremdes Afrika

Als ich das Drehbuch in die Hand bekam, fing ich gleich neugierig an zu lesen. Eine spannende Geschichte, die im ostafrikanischen Uganda spielt. Es sollte meine erste Reise auf diesen Kontinent werden.
Angekommen

Am Flughafen in Kampala stehen schon die kleinen Transportbusse für unsere Filmcrew bereit. Die Amtssprache ist Englisch, und die Verständigung mit den Einheimischen klappt reibungslos.
Es ist früher Abend, als sich der Truck Richtung Innenstadt in Bewegung setzt. Samuel, unser Fahrer, gibt richtig Gas auf der holprigen Straße: Spielt der jetzt Pilot und will abheben? denke ich und suche hektisch meinen Sicherheitsgurt. Fehlanzeige. Der Kommentar von vorne: «Wenn wir langsam fahren ruckelt es noch mehr, und wir bleiben vielleicht in einem Schlagloch stecken!» Schöne Aussichten!

Die Nacht ist rabenschwarz. Eine Straßenbeleuchtung habe ich allerdings auch nicht erwartet. Ich drücke meine Nase an der Fensterscheibe platt, um überhaupt etwas erkennen zu können. Von draußen dringt afrikanische Musik in den Bus, und unsere Stimmung ist ausgelassen. Man ahnt auf den Strassen das rege Treiben. Hin und wieder wird die Dunkelheit durch die kleinen Kerosinfeuer am Straßenrand unterbrochen. Erst dann erkennt man Frauen in bunten Kleidern, die ihre einheimischen Gerichte in sogenannten Garküchen verkaufen.
Die Luft ist abends noch warm, und wir können uns schon vorstellen, wie schwer die Arbeit hier in der Mittagssonne sein wird.
Der erste Drehtag

In der Szene soll ein Jeep eine Dorfstraße hinab fahren. Am Steuer ein Afrikaner. Alle Vorbereitungen werden getroffen: Absperrpersonal postiert, ein Funkgerät ins Auto gelegt, um die Kommunikation zwischen Regie und Fahrer möglich zu machen, Jeep auf Ausgangsposition gebracht, Schaulustige, meistens Kinder, hinter die Kamera verfrachtet. Der Regisseur gibt das Kommando: «Probe, bitte!»
Der Jeep fährt los und bekommt eine schöne Geschwindigkeit. Die Fahrt geht ca. 100 m bergab.
Dann: «Probe, aus!» Der Jeep fährt jedoch weiter, driftet nach rechts ab in den Straßengraben und kippt um. Wir stehen wie erstarrt, jeder denkt sofort: ein Unfall! Nein, kein Unfall, denn der Jeep hat keine Bremsen. «Das ist bei vielen Autos so in Afrika», erfahren wir. Eine echte Herausforderung für den Fahrer, um zielgenau zum Halten zu kommen. Jetzt muss das Auto geborgen werden und steht erst wieder zwei Stunden später auf seiner Position. «Die Nächste drehen wir!» ruft der Regisseur, der sich eine weitere Probe aus Zeitgründen nicht mehr leisten kann. Unsere afrikanischen Kollegen sehen die Situation eher gelassen, denn hier ticken die Uhren etwas anders.
Das erste Wochenende

Endlich Freizeit.

Ich beschließe, zum Frisör zu gehen. Gar nicht so einfach, jemanden zu finden, der bereit ist, «europäisches» Haar zu schneiden. Ich frage in einem kleinen Laden nach. Die Friseusen kichern nur und winken ab. Meine Suche geht weiter. «Yes, I can cut your hair», versichert ein junger Mann mit einer Plateau-Frisur. Ob ich Löckchen will, fragt er, ich verneine. Erwartungsvoll setze ich mich vor einen großen, betagten Spiegel, in dem man sich nur erahnen kann. Das restliche Personal steht auch hier lachend und verlegen in einer Ecke. Kundschaft von einem anderen Kontinent ist man nicht gewöhnt. Der Frisör hat allerdings keine Berührungsängste mit meinem Haar. Er schneidet drauf los. Eine Strähne kurz, die andere doch etwas länger, der Scheitel, naja, nicht ganz in der Mitte, der Pony schief – ich werde immer kleiner auf meinem Stuhl und denke schon über die Kopfbedeckung nach, die ich am nächsten Drehtag tragen werde, um nicht zum Gespött zu werden.

So soll der Tag für mich nicht enden. Ich beschließe, in ein Restaurant zu gehen, um mich richtig verwöhnen zu lassen. Nur Einheimische sitzen hier. Appetitlich sieht das Essen auf dem Teller eines gut gekleideten Mannes am Nebentisch aus. Da ich nicht weiß, was es ist und wie es heißt, gebe ich der Kellnerin einen diskreten Hinweis. Wenig später kommt das gleiche Essen – Hackfleischbraten mit regionalem Gemüse, dazu Pommes und Ketchup – lecker!
Hungrig schlinge ich die Mahlzeit runter. Dazu ein kühles Bier, dann ein kleines Bäuerchen, und meine Welt ist wieder heil.

Als ich wenig später im Hotel ankomme, bemerke ich ein Magengrummeln. Zuerst denke ich an «Reise-Diarrhö», die ja bekanntlich fast jeden erwischt. Aber das ist dann doch sehr viel mehr, und ich weiß, dass ich einen großen Fehler gemacht habe. Am Ende des Tages muß ich feststellen, dass weder meine Haare noch mein Magen afrikanischer Natur sind.

Der Drehtag nach dem Wochenende

«Tolles Kopftuch, wo hast Du das gekauft? Und die Farben, wirklich schön» bemerkt meine Kollegin: Ich werd`s auch nicht abnehmen, jedenfalls nicht heute, denke ich, freue mich aber über das Kompliment.

Kampala ist eine quirlige Stadt, die keine Ruhe kennt. Unzählige Autos schieben sich täglich durch den Verkehr, und es stinkt nach Benzin. Die meist völlig überladenen Mopeds fahren gefährlich eng aneinander vorbei. Eine Dunstwolke liegt über den Straßen.

Die Szene spielt auf einem belebten Marktplatz mit unseren Darstellern und ungefähr 100 afrikanischen Komparsen. Am Abend sind endlich alle Einstellungen im Kasten. Jetzt geht es an die Bezahlung.

Die Kassengeschäftsführerin wird sicherhaltshalber von zwei bewaffneten Polizisten begleitet, denn in der Kasse ist viel Geld.
Ihr Arbeitsplatz ist jetzt ein kleiner Holztisch am staubigen Straßenrand. Alles ist perfekt organisiert. Die Afrikaner stehen in einer langen Schlange vor ihr und freuen sich auf ihren Lohn. Die Auszahlung geht recht schnell voran, aber die Schlange wird nicht kürzer. Irgendwann ist die Kasse leer. Der Produktionsleiter wird gerufen. Auch er ist ratlos. Hat er sich verrechnet? Waren doch mehr Komparsen im Einsatz? Schließlich stellte sich heraus, dass sich die bereits Ausgezahlten am Ende wieder anstellten, um die zweite Runde Lohn abzukassieren.
Unserer «Geldfee» kann man keinen Vorwurf machen, denn irgendwie sind Afrikaner für uns auf den ersten Blick schwer zu unterscheiden.
Action-Drehtag

Heute soll ein Stuntman den Hauptdarsteller doubeln. Die Abteilungen Maske und Kostüm haben lange und sorgfältig daran gearbeitet, dass der Afrikaner unserem Hauptdarsteller ähnlich sieht. Keine leichte Aufgabe, wie man sich vorstellen kann.

Die Szene soll folgendermaßen ablaufen: Jeep kommt angefahren, Stuntman springt davor, rollt über die Kühlerhaube ab und bleibt am Boden liegen. Die erste Probe wird angesagt. Alles ist vorbereitet, und der Regisseur ruft «Action!!» Das Auto rollt heran, aber der Stuntman rennt panisch in die entgegengesetzte Richtung. «Aus, Aus!! Damit hat jetzt keiner gerechnet. Hat er was falsch verstanden? Wir rufen den Dolmetscher. «Nochmal!», alles geht auf Anfangsposition.
Nach der nächsten Probe stellt sich dann heraus, dass dieser Mann gar kein erfahrener Profi ist, sondern jemand, der den gefährlichen Job zum ersten Mal und nur wegen des Geldes macht.
Der Regisseur wird nachdenklich. Was ist, wenn etwas schief geht? Kann ich die Verantwortung tragen? Inszeniere ich die Szene weniger gefährlich? Aber der junge Mann möchte unbedingt beweisen, dass er es drauf hat. Für den Ernstfall sind Sanitäter mit einem Krankenwagen vor Ort.
Dann fällt die Klappe. »Action!!» ruft der Regisseur. Der Jeep fährt den Sandweg entlang und beschleunigt. Unser Stuntman nimmt nun allen Mut zusammen und wirft sich vor das fahrende Auto. Es knallt, er landet vor dem Kühler und bleibt liegen. Uns stockt der Atem, wir rennen zu ihm. Die Luft ist staubig. Seine Perücke sitzt jetzt schief, und die verdreckte Hose hat einen langen Riß.

So habe ich mir Afrika immer vorgestellt.

«I’m o.k.» flüstert er, rappelt sich auf und ist sichtlich erleichtert, dass alles so glimpflich für ihn abgelaufen ist. Der Sanitäter versorgt die kleinen Wunden, und im Krankenwagen geht’s dann ab nach Hause. Alle atmen auf, und in der nächsten Szene steht wieder unser Hauptdarsteller vor der Kamera.

Auf der Rückfahrt zum Hotel kommen wir an kleinen Dörfern vorbei, an dichter Vegetation mit saftigem Grün. Ein wundervoller Blick auf die Savanne entschädigt für die Strapazen des Drehtages. Die Sonne geht langsam unter, und der Himmel ist strahlend blau. In der Ferne steht friedlich eine Herde Zebras.