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– Der Komparse –

In einem kleinen Dorf in Tirol sind Dreharbeiten eher eine Seltenheit und werden deshalb von vielen Schaulustigen und Touristen begleitet. Mit großer Neugier harren sie stundenlang aus, um einem bekannten Schauspieler zu begegnen oder vielleicht ein Autogramm zu erhaschen. Hier werden sie nun Zeuge, wie kompliziert und zeitraubend eine einfache, nur 30 Sekunden dauernde Filmszene werden kann.

Die Einstellung, um die es geht, spielt auf einem Marktplatz, der wenig belebt aussehen soll. Ein paar Spaziergänger und 2 Restaurantbesucher bereichern das Bild.

Etwas mehr zu tun hat ein Komparse, der einen «Architekt» darstellen soll. Der Requisiteur reicht ihm eine Aktentasche und einen Ordner. Seine Aufgabe besteht darin, mit einem Auto vorzufahren, auszusteigen, die telefonierende Schauspielerin im Vorbeigehen zu begrüßen und sich an einen Tisch zu setzten. Mehr nicht.

Damit auch die schöne Tiroler Landschaft im Bild zu sehen ist, lässt der Kameramann einen großen Kran aufbauen, was einige Zeit in Anspruch nimmt. Während dessen soll sich der Komparse mit dem Auto vertraut machen. Er lehnt ab, schließlich sei er ein geübter Autofahrer.

«Das müssen wir nicht proben, lasst uns gleich drehen» ruft der Regisseur.

Alle sind einverstanden, zumal die Szene recht einfach ist. «Kamera ab»! «Und… Bitte»! Die Schauspielerin sagt ihren Text, die Komparsen laufen wie besprochen, der Kamerakran senkt sich perfekt. Aber wo bleibt das Auto? Es gab wohl Startschwierigkeiten.

«Nochmal! Alles auf Anfang» ruft der gut gelaunte Regisseur. «Und… Bitte»!

… alles läuft wie besprochen, das Auto kommt an, verpasst aber die markierte Halteposition. «Aus! Verdammt noch mal», «Hat ihm denn keiner gesagt, wo er halten soll?». Alles wieder von vorne.

Klappe die Dritte, «Und… Bitte»!

Perfektes Timing, das Auto fährt auf die Position, der Komparse steigt aus, lässt den Schlüssel stecken und die Fahrertür offen. «Aus!! Aus!!» «Das kann doch jetzt nicht wahr sein» raunt der Regisseur. «Wir haben noch viel auf dem Zettel heute, die nächste Einstellung muss gelingen».

Klappe die Vierte, «Und… Bitte»!

Alles läuft gut, auch der etwas nervös gewordene Komparse hält auf der richtigen Position, steigt aus, schließt die Tür, begrüßt die Schauspielerin und setzt sich auf seinen Platz. Alle denken: perfekt!

Plötzlich bemerkt der Regisseur, dass sich der Scheibenwischer am Auto bewegt. «Mist, Dreck, verflucht», «bin ich hier bei «Versteckte Kamera», «das gibt es doch nicht, dass wir so viel Zeit brauchen, um eine einzige Einstellung zu drehen ». «Was ist denn los heute?» ruft der inzwischen aufgebrachte Regisseur über das Set.

Klappe die Fünfte, «Und… Bitte»!

Wieder scheint alles gut zu laufen, nur die Kamera senkt sich nicht. «Sorry, ein technischer Fehler», sagt der Kameramann. Dem Regisseur stehen die Haare zu Berge. Also nochmal von vorne.

Klappe die Sechste, «Und… Bitte»!

Alle haben jetzt Routine. «Was hat die Schauspielerin gerade gesagt? Der Text ist doch falsch!», «Ist heute Freitag der 13., dass alles schief läuft?», schreit der nun völlig aufgebrachte Regisseur.

Die Regie-Assistentin ist ebenfalls entnervt, unterdessen wird die Siebte Klappe angesagt,

«Und… Bitte»!

Jetzt fängt ein Hund an zu bellen.

«Aus!» ruft der Tonmeister.

Der Regisseur ist verzweifelt. Jedenfalls ist der Komparse diesmal nicht Schuld.
Bei Klappe die Achte, «Und… Bitte»! läuft dann alles richtig gut, und die Einstellung ist endlich im Kasten.

Die vielen Touristen haben inzwischen das Interesse an den Filmarbeiten verloren und ihre Wanderungen in die wunderschönen Tiroler Berge fortgesetzt.