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Ein reist an

Wenn man ein Filmteam unter sein Dach lässt: Der kleine Schritt vom Thriller zum alltäglichen Grauen.

Mein Freund Karl-Otto sah blass aus. Auf die Frage, was los ist, winkt er erst ab, dann murmelt er etwas, das nach «bis weit nach Mitternacht durchs Haus gepoltert» klang.
Ich verstehe nur Bahnhof. Bis er das Geheimnis lüftet: «Wir haben vermietet – an eine Filmproduktion.»

Es fing alles ganz harmlos an. Eines Abends klingelte ein netter Typ und meinte, genauso ein Haus mit Fachwerk und Mansarde würde er für einen Fernsehthriller suchen. In den Vorgesprächen gaben sich alle betont liebenswürdig. Man brauche sich keine Sorgen zu machen. Frühaufsteher seien Filmleute sowieso nicht. Eher Nachteulen. Ein Kinderzimmer und das Arbeitszimmer müssten neu möbliert werden, ansonsten könne alles so bleiben, wie es ist.

Karl-Otto holt tief Luft.

Einen Tag vor Drehbeginn hieß es: »Wir haben noch kein Zimmer für die Maske, wüssten Sie nicht etwas?» Die Familie war aber schon auf engstem Raum zusammengerückt. «Und als einer nebenher fallen ließ, die Beleuchter seien ab 6 Uhr früh im Haus, blieb uns das erste Mal die Spucke weg.»

Als Karl-Otto um halb sieben aus den Federn kriecht, ist schon ein Dutzend Leute in seien vier Wänden zugange. Alle grüßen freundlich. «Man hatte das Gefühl, mehrere LKW-Ladungen voller Ausrüstungen werden ins Haus geschleppt.» In der Küche versperren silbrig glänzende Koffer den Weg zum Herd. Mit einiger Mühe gelingt es Karl-Otto, das Teewasser aufzusetzen. Als er sich seiner Schrippe zuwenden will, kommt ein junger Mann mit zwei proppenvollen Einkaufstüten, packt Toastbrote, Müsli, Babykost, Käse, Wurst und Marmelade auf den Tisch. «Alles Requisite», erklärt er. Die sonst verschlafene Straße gleicht schon zu früher Stunde einem Boulevard in der Haupteinkaufszeit. Die Dreharbeiten scheinen dem Viertel eine Neuerung zu bringen: eine Telefonzelle. Doch die Freude der Anwohner ist verfrüht. Die Tür bleibt zu. Das Häuschen dient nur als Requisite.

«Der Hauptschock kam erst am Abend. Als ich am Morgen aus dem Haus bin, war es immerhin noch eine Wohnung. Am Abend kehre ich in eine Werkstatt zurück, in ein Atelier. Bis in den letzten Winkel Kisten, Kästen, Koffer.» Unter den Decken laufen Gestänge für die Scheinwerfer. Vor dem Klavier steht der Kamerawagen, auf dem Sofa liegt die berühmte Klappe. Staunend sieht Karl-Otto die extradicken Schneestiefel. Als ob es ein Film über eine Polarexpedition wird. «Sie dienen aber nur als Frostschutz. Damit sich die Hauptdarstellerinnen zwischen «Aus dem Taxi, die erste» und «Aus dem Taxi, die zehnte» nicht verkühlen. »Es hat nicht geholfen. Zumindest bei der einen. Erst war sie nur verschnupft, bekam kaum ein «Guten Tag» über die Lippen. Dann fing sie an zu husten, bis sie schließlich im Bett bleiben musste.» Wie sie hieß? Er antwortete mit einem schroffen: «Kennst Du sowieso nicht». Wenn aber die Rede auf die andere Schauspielerin kommt, den dämonischen, männermordenden Vamp, da kriegt er glasige Augen. «Es ist wie ein Wunder.» Jetzt meint er allerdings nicht den Star der Produktion. «Stets findet sich in all dem Chaos doch ein stilles Eckchen. Es ist wie am Tag vor dem Umzug. Leben auf gepackten Koffern. Und stets die spannende Frage: Wer hat den Flaschenöffner zuletzt gesehen?» Mit einem freundlichen Lächeln steht immer wieder einer aus der Crew in der Tür: «Dürften wir mal kurz? Wir bringen es auch gleich wieder.» Zeitungen, Kaffeelöffel, Suppenkellen, Thermoskannen und Besen gehen so in den Filmkreislauf ein.

Morgens ein frisches Hemd?

Wo der Kleiderschrank stand, gähnt eine Lücke. Er war beim Schlafzimmer-Dreh im Wege. Man will Licht anknipsen, aber alles bleibt duster. Die Deckenlampen wurden abgeklemmt. Die gemeinsame Losung für Drehteam wie Familie: In der Flexibilität liegt unsere Kraft.

Eines Abends kommt Karl-Otto nicht ins Haus. Er schließt noch einmal, drückt. Nichts. Bis er begreift: Von innen hält einer zu. Dann ein Flüstern: «Wir drehen im Flur.» Der Weg zum einzig bewohnbaren Zimmer wird zum Hindernislauf. Kurz vor dem Ziel wieder ein: Stopp! Nächster Dreh. Alle stehen wie versteinert. Da ertönt aus einer dunklen Ecke ein lautes Piep, Piep! Dann der Aufschrei des Aufnahmeleiters: «Welcher Trottel muss denn gerade jetzt telefonieren?»

Im Fahrradschuppen stolpert Karl-Otto über einen Kinderwagen – mit Baby. Hat man es vergessen?
Als er dem Kleinen tröstend über den Kopf streichen will, merkt er, dass es jene Puppe ist, die alle liebevoll «Dummy» nennen und die die Film-Mama auf den Arm nimmt, wenn sie nur von hinten zu sehen ist. Für Großaufnahmen gibt es ein richtiges Kind, mit Mutter. Sie teilt jenes Schicksal, das Kleindarsteller und Stars verbindet. Ihre Hauptbeschäftigung ist das Warten.

Es ist wie verhext. Wenn Außenaufnahmen angesagt sind, fängt es garantiert an zu regnen. Also wird später auch für die Anschlussszenen im Haus ein Schauer gebraucht. Der Regenmacher kann aber nur Wolkenbruch. Mit einem Feuerwehrschlauch hält er direkt auf die Fenster. Bis der Teppich zum See wird. Die Pfütze unter dem Tiefkühlschrank ist nicht ganz so groß. An der dazugehörigen Steckdose hat seit zwei Tagen ein Scheinwerfer Sendepause. Die Schadensliste, die Karl-Ottos Frau führt, wird immer länger. Zerkratztes Parkett, abgerissene Gardinenstangen, Farbe von den Wänden und Türen. Wenigstens das zusammengebrochene Bett ist notdürftig repariert. Der Produktionsleiter hat den Part, dafür zu sorgen, dass die Familie mit den immer neuen Überraschungen fertig wird. Mit der Zeit hört er sich an wie der Wolf aus dem Märchen, dem noch die Kreide im Hals steckt. Ein schwacher Trost: Auch im Team nähert sich die Stimmung inzwischen dem Nullpunkt.

«Der Fehler liegt aber bei uns», meint Karl-Otto, «schon der Titel hätte uns warnen sollen. Irgendwas mit Morgengrauen. Wir meinten bisher, die Betonung läge auf Morgen. Nun wissen wir: Das Grauen gewinnt.» Worum es in dem Film geht ? Karl-Otto winkt ab. «Da mußt du meine Frau fragen, die hat das Drehbuch gelesen. Ich will es jetzt auch gar nicht mehr wissen.» Dann nach einer Pause: «Komm doch mal vorbei. Morgen ist der hoffentlich allerletzte Drehtag.»

Ab 7 Uhr morgens war eine Spezial-Effekt-Firma im Haus, um Fenster gegen Attrappen auszutauschen. In der Küche werden Riesenaggregate installiert. Der Technikchef macht schon mal eine Probezündung: Im Haus breitet sich stinkender Nebel aus. Derweil beginnen einige aus der Crew, Filmutensilien einzupacken. Als ich am Nachmittag aufkreuze hat sich Karl-Ottos Frau gerade von einem Weinkrampf erholt. Sie kam dazu, wie man Teile ihrer eigenen Möbel auseinanderschraubte und ein Typ lässig meinte: »Geht alles zurück zu Ikea.»

Als es dunkelt, schlägt zunächst die Stunde der Kleindarsteller. In Schlafanzug und Bademantel mimen sie aufgeregte Nachbarn. Ein südländischer Typ hat Mühe mit dem entscheidenden Satz: »Ich glaube, es war eine Gasexplosition.» Nach dem dritten Versuch meint eine der Kostümfrauen zu Karl-Otto: »Noch lustiger wäre es, wenn Sie jetzt dazwischen laufen und rufen: Hilfe, das ist mein Haus.» Doch dem ist das Lachen längst vergangen.

Gegen 2 Uhr schreckt eine Detonation, die an ein mittleres Erdbeben erinnert, die Bewohner des Viertels aus dem Schlaf. Fensterscheiben fliegen durch die Nacht. Die Wiese hinter dem Haus ist ein Scherbenmeer. Ein Splitter verirrt sich in das Gesicht des Regisseurs. Alle sind so begeistert von der Wirkung, dass man das Spiel in zehn Minuten wiederholen will. Doch eine halbe Stunde verstreicht, eine Stunde. Nichts passiert. Es stellt sich heraus, das hinter jenem Fenster, das als nächstes dran glauben soll, noch etwas von der Feuerwerkstechnik zu sehen ist. Die nächste Klappe fällt um 3:30 Uhr. Nun hat nur noch die Hauptdarstellerin ihren großen Auftritt. Schon leicht angekohlt, soll sie aus dem oberen Fenster im Treppenhaus um Hilfe rufen.

Bei Karl-Otto hat die Morgenkälte mittlerweile auch das letzte Interesse an dem Film eingefroren.
Er greift zu Ohropax und kriecht in seinen Schlafsack unter dem Dach. »Willst du nicht noch mit zum Prosecco-Empfang?» fragt seine Frau. Aber da schläft er bereits.

 

Frank Starke (Gast Autor)