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Himmlische Theater, rauschender Bach und eine kleine Prise Hölle

Blitzeblauer Himmel, bauschige Wölkchen und eine Sonne, die dem Nasenrücken den ersten Sonnenbrand beschert, so man nicht mit Einreibung der Stärke 50 vorgesorgt hat. Neuzelle wir kommen! Leichtes Erschrecken, als der Zug am Bahnhof Neuzelle hält. Ein leeres Bahnhofsgebäude grüßt mit blinden Fensterscheiben. Eine Busverbindung zum Kloster Neuzelle besteht nicht. „Zu wenig Bedarf. Es rechnet sich nicht!“ Für 1,5 km befinden wir uns in der Hölle. Knapp zwanzig Minuten quälen wir uns über die Bahnhofstraße, die gleichzeitig ein Stück der die Stadt durchquerenden B 112 ist. Auf der schmalen, kurvigen Straße rauschen Lastwagen und Pkws dicht an dicht an uns vorbei. Ein Höllenlärm und extrem gefährlich. Für die Anrainer der Straße unzumutbar. Forderungen nach dem Bau einer Umgehungsstraße hängen an den Zäunen. Wann wird sie gebaut? Die Planungen sprechen von sieben bis zehn Jahren! Im stillgelegten Bahnhofsgebäude ist ein Seniorenheim geplant. Erträglich ist der Aufenthalt sicher nur für völlig taube Menschen.

Nun genug der Schelte. Das Kloster empfängt uns mit himmlischer Ruhe. Eine der wenigen vollständig erhaltenen Klosteranlagen Deutschlands und Europas liegt, auf das Schönste restauriert, vor uns. Die Fassade strahlt weiss-gelb in der Sonne. 1268 gründete der Wettiner Markgraf Heinrich der Erlauchte das Kloster. Das sollte den Namen Neuzelle tragen „zu Lob und Ehre der glorreichen und unversehrten Jungfrau Maria“. Mönche des Ordens der Zisterzienser wurden berufen. Im frühen 14. Jahrhundert begann der Bau der Klosteranlage im gotischen Stil. Im 17. und 18. Jahrhundert gehörte Neuzelle zu Sachsen und Böhmen, die barocke Überformung des Klosters erfolgte. 1817 wurde das Kloster säkularisiert und existierte als preußisch-staatlicher Stift bis 1955 als Forst- und Domänenverwaltung. Danach wurde es verstaatlicht.

1996 gründete das Land Brandenburg erneut eine Stiftung, mit der Aufgabe, die historische Klosteranlage zu restaurieren und Bildung und Kultur zu fördern. Circa 30 Mio. der bereitgestellten 60 Mio. wurden bereits für Baumaßnahmen ausgegeben. Der Barockgarten, die sogenannte Leutekirche – die ev. Kirche zum Heiligen Kreuz -, die Stiftskirche St. Marien und der Kreuzgang mit seinem Klostermuseum erstrahlen in neuem Glanz. Bis zum 70-jährigen Klosterjubiläum im Jahr 2018 sollen die Sanierungsmaßnahmen abgeschlossen sein.

Ein Kleinod der Klosteranlage wurde am 21. März 2015 eröffnet. Das Museum Himmlisches Theater zeigt die Neuzeller Passionsdarstellungen vom Heiligen Grabe. 1751 erhielt der böhmische Künstler Joseph Felix Seifert von Abt Gabriel den Auftrag, ein Konzept für die Passion Christi zu erarbeiten. Er schuf ein in Europa einzigartiges Kunstwerk, das in der jahrhundertealten Tradition der Heiligen Gräber steht. Ganz im Sinne der Jesuiten, die die Menschen mit allen Sinnen ansprechen wollten, entstand mit Theatermitteln ein überwältigendes Barocktheater. Fünf Bühnenbilder mit 15 Szenen schildern eindrucksvoll das biblische Geschehen vom Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi. Zwei Bühnenbilder sind bereits restauriert: Judaskuss und Kreuztragung. In einem abgedunkelten Raum sind auf Holz und Leinwand gemalte Figurengruppen zu sehen: Tempelwächter, fliehende Jünger, Kain und Abel, Straßenszenen in Jerusalem. Auf Tafeln sind Bibelzitate wie „liebet Eure Feinde“ zu lesen.

Ein didaktisches Programm, das ein christliches Leben im Sinne der katholischen Kirche vermitteln soll. Es gab Öllampen aus farbigem Glas, die eine schummrige Beleuchtung erzeugten und mit ihrem Flackern die Figuren zum Leben erweckten. Pro Einlass dürfen nur fünfzig Besucher mit Rücksicht auf Luftfeuchtigkeit und Klima den Raum betreten. Die Besucher bleiben lange Zeit vor den Bildern stehen und vertiefen sich die Details, die zum Nachdenken und Nachfragen anregen.
www.stift-neuzelle.de

Aber nicht nur mit Klosterkultur beeindruckt Neuzelle. 2000 Einwohner erfreuen sich an drei Banken, einer Postfiliale und zwei Kindergärten. Ein Schwimmbad, ein moderner Sportplatz und ein Tennisplatz laden zu sportlicher Betätigung ein. Neunhundert Schüler besuchen zwei Grundschulen, darunter ist die Inklusionsschule der Sankt Florian Stiftung. Oberschule, Gymnasium und eine Musikschule, Einrichtungen der Rahn Dittrich Group, nehmen einheimische und ausländische Schüler auf. Die monatlichen Schulkosten betragen zwischen 100,00 bis 140,00 €. Die meist ausländischen Schüler werden in einem Internat betreut. Neuzelle ein Paradies für junge Familien.
www.neuzelle.de  www.seenland-os.de

230 Betten warten auf Touristen. Das Hotel und Restaurant „Prinz Albrecht“ liegt nur einen Katzensprung vom Kloster entfernt. Von der ruhigen Terrasse blickt man über den Klosterteich auf die Klosteranlage und geniesst z.B. den regionalen „Schlaubetalteller“.
www.hotel-prinz-albrecht.de

Auch das Design-Hotel „Klosterhotel Neuzelle“ liegt nahe am Kloster. Im hellen Frühstücksraum steht ein 150 l großer kupferner Brennkessel. An Brenntagen duftet es nach Kräutern und Obst, die Maische blubbert und unüberhörbar tropft das Destillat. 25 verschiedene Liköre, Brände und Geiste laden zum Kosten und Kaufen ein. Lädt aber Brennmeister Nico Petri zum „Schwarzbrennen“ ein, verwandelt sich der Raum in eine Alchimistenküche. Sechs kleine Destilliergeräte stehen auf dem Tisch, bläuliche Flammen erwärmen das geheimnisvolle Gebräu in den winzigen Kesseln. Eine Röhre schlängelt sich zum Abkühlen in ein Gefäß mit Eisstücken. Nach fünfzehn Minuten tropft es in die Puppenstubentassen. Aufpassen beim Umfüllen in ein Glas. Kein Tropfen der kostbaren Flüssigkeit darf verloren gehen. Nach 2 cl beginnt das Rätselraten. Auch vorsichtiges Schnuppern und Kosten bringt kein eindeutiges Ergebnis. Die Brenner schwanken zwischen Kirche, Schlehe und Birne. Es zeigt sich wieder einmal: die Geschmäcker sind verschieden. Herr Petri klärt auf, ein Kirschbrand füllt unsere Gläser. Die Live-Destillation oder eine Führung durch die Schaubrennerei sind zu buchen unter www.hotel-neuzelle.de

Wie sang schon Rumpelstilzchen etwas abgewandelt: Heute brenn ich, Morgen brau ich….. und so erhielt Neuzelle 1589 das offizielle Braurecht. Nach Gründung der Klosterbrauerei mussten die Bauern dem Kloster am 20. Juli, dem Margaretentag, den Getreidezehnt in Form von Gerste abliefern. Das alte Gebäude brannte 1892 ab, wurde 1902 wieder aufgebaut und wird seit 1992 privat von der Familie Fritsche betrieben. Wie zu Zeiten der Mönche hat sich an der Herstellung nicht viel geändert. Auf dem Malzboden lagern noch immer die Getreidesäcke und die alte Malzmühle schrotet das Korn wie eh und je. Die Maische allerdings wird in neuen Braubottichen aufgekocht, und mit Kühlanlagen und Waschmaschinen für die Flaschen hat die Moderne Einzug gehalten. Biergeschichte schrieb – 3 – Helmut Fritsche mit dem Sieg vor dem Bundesverwaltungsgericht: „Der Schwarze Abt mit dem Quentchen Zucker ist ein Bier“. Dem Schwarzbier, dem nach alter Tradition eine Prise Zucker zugesetzt wird, wollten Bürokraten mit Bezugnahme auf das deutsche Reinheitsgebot die Bezeichnung Bier verbieten. Dieser Sieg spornte die Klosterbrauerei an, immer neue Bierspezialitäten zu entwickeln. Aber der „Schwarze Abt“ bleibt der Leuchtturm unter den über 40 verschiedenen Biersorten der Klosterbrauerei Neuzelle. www.klosterbrauerei.com

Müllrose, welch ein seltsamer Name. Gibt es dort Mülldeponien, verschönert durch Rosen? Müllrose wird abgeleitet von dem altsorbischen Personennamen Milorad und bedeutet etwa „Der Ort oder See eines Mannes namens Milorad“. Mit Milorad, dem historischen Stadtführer spazieren wir durch das 750-jährige Landstädtchen, das Tor zum Schlaubetal. Wir bewundern die 1746 erbaute barocke Pfarrkirche, schlendern über den Marktplatz mit dem denkmalgeschützten Rathaus und stehen in der Beeskower Straße vor dem ältesten Haus aus dem Jahr 1698. Der Naturerlebnis-Lehrpfad führt entlang des Kleinen Müllroser Sees über die Schlaube zur Marina Schlaubetal. Wer schon immer mal einem Schwan auf Augenhöhe begegnen wollte mietet sich dort ein Kanu und paddelt über den See. Achtung, die Einfahrt zum Katharinensee nicht verpassen, lockt doch dort das Hotel und Restaurant Haus Katharinensee mit leckerem Kuchen und einem herrlichen Blick auf den See.
www.muellrose.de  www.haus-katharinensee.de  www.marina-schlaubetal.de

Das Schlaubetal ist ein Mühlenparadies. Sieben Mühlen laden zum Besuch ein. Nur eine Mühle, die Müllroser Mühle, erfüllt noch ihre eigentliche Aufgabe, Korn zu Mehl zu mahlen. Die Ragower Mühle, um 1600 erbaut, war ebenfalls eine Getreidemühle. Sie ist die einzige Mühle, deren alte Mühlentechnik noch funktioniert. Stolz zeigt uns der Besitzer, Herr Börner, die Anlage und das Mühlenmuseum. Die Ragower Mühle zählt zu den beliebtesten Landgasthöfen Deutschland. Im rustikalen Biergarten verwöhnt Frau Börner mit ländlicher Küche ihre Gäste. Ein autofreies Tier- und Spielparadies für Kinder. Wildschweinsau Emma, von Herrn Börner mit Milasan aufgezogen, ist Mutter geworden. Die kleinen Frischlinge graben unermüdlich ihr Freigehege um und entzücken die Besucher. Mit „Glück zu“, dem Müllergruss verabschieden wir uns und starten zur Wanderung ins Schlaubetal. www.ragowermuehle.de

Wer schrille Farben liebt, das Schweigegebot nicht einhalten kann und über längere Zeit nicht ohne flüssiges Brot auskommt, fahre nach Malle zum Ballermann. Für alle anderen bietet der 25 km lange Schlaubetalwanderweg Abgeschiedenheit,wohltuende Stille und intakte Natur. Verlaufen fällt schwer, ein blaues S auf weißem Untergrund markiert den Weg von der Quelle am Wirchensee bis zum Erholungsort Müllrose. Seit 1995 gibt das Schlaubetal dem Naturpark seinen Namen. Zwei Eiszeiten prägten die Landschaft und formten tiefe Schluchten und wildromantische Täler. In den Wirchenwiesen entspringt die Schlaube – mal rauschender Bach, mal plätscherndes Wässerchen – schlängelt sich durch Buchenwälder und sumpige Wiesen und versorgt zahlreiche Seen mit kristallklarem Wasser. „Borat“ Verehrer Mario, unser Führer durch das schönste Bachtal Ostbrandenburgs, empfängt die Wanderwilligen am vereinbarten Treffpunkt. Nein, nicht im Boratkostüm, das trägt er zur Freude seiner Frau nur zu Hause. Wie es sich gehört hat er das Standeskostüm der Ranger angelegt: grau-grüne Hose, hellgraues Hemd und einen zünftigen Rangerhut. Um den Hals baumelt ein phantastisches Fernglas. Das gestickte Abzeichen auf dem Ärmel verweist auf die Mitgliedschaft im Bundesverband Naturwacht e.V., German Ranger Association. Vier Ranger, allesamt geprüfte Natur- und Landschaftspfleger, sind für die Instandhaltung von Artenschutzeinrichtungen zuständig, leisten Umweltbildungsarbeit, kartieren Pflanzgemeinschaften und Tierarten wie Biber, Schwarzstorch und Eisvogel. Leider haben wir den fliegenden Edelstein, den Eisvogel nicht gesehen. Dafür von Waldsauerklee und Knoblauchrauke gekostet und die Küchenschelle bewundert. In den Zeiten von Multitasking reicht es nicht mehr, nur zu wandern und so bietet der Schlaubetal Tourismus verschiedene Themenwanderungen an: mit Brigitte Schäfer erlebt man bei einer Yogawanderung das Schlaubetal meditativ. Jürgen Sobeck rezitiert Selbstgedichtetes und Marion Jaeckel erklärt Fauna und Flora am Wegesrand. Auch die Ranger gehen mit der Zeit. Je nach Gusto wählt man die „Schlaubetaler Lügentour“, die „Erlebnistour Kreuz & Quer“ oder die „Fliegenden Landkarten“. Zu buchen sind die Touren unter www.naturwacht.de oder www.schlaubetal-tourismus.de

Nach drei Kilometern schimmert das ehemalige Jagdschloss des Abtes Gabriel, das auf einem Bergrücken gelegene Forsthaus „Siehdichum“ durch die Bäume. Frau Maßmanns leckerer selbstgebackener Kuchen wartet auf die hungrigen Wanderer. Doch zuerst kommt Marios Fernglas zum Einsatz. Am Ufer des Hammersees nisten Graureiher in den Bäumen. Ganz still wird’s in unserer Runde beim Anblick dieser großartigen Vögel. www.forsthaus-siehdichum1.de

Unsere letze Station führt uns nach Beeskow. Um die St. Marienkirche gruppieren sich historische Häuser in mittelalterlicher Bauweise. Die Stadtmauer umschliesst von drei Seiten den Stadtkern, unterbrochen von zahlreichen Türmen, wie Pulverturm, Luckauer Turm, Münzturm und Mäuseturm. Allesamt 27 m hoch? Na ja, wir haben nicht nachgemessen. Einmal wie ein Burgfräulein, oder -ritter residieren? Im Bergfried ist ein Zimmer frei. Die Stelle des Burgschreibers ist vakant. Sechs Monate, bei freiem Logis und einem kleinen Taschengeld, guckt man den Beeskowern in die guten Stuben und berichtet darüber. Natürlich besuchte auch Theodor Fontane Beeskow und nächtigte 1861 in der Mönchsherberge.

Eine Berühmtheit unserer Tage wirkt im Schukurama. Ralf Schulze, Kinobesitzer und „Bester Vanilleeishersteller Deutschlands“. Gekürt auf der Fachmesse „Intergastra“ von einer vorwiegend aus Italienern bestehenden Jury, hat er sich gegen 48 Mitbewerber, vorwiegend Italiener, durchgesetzt. Mamma Mia! Seine beiden Söhne verehren ihn. Jeden Tag Kino, jeden Tag Eis. Da müssen sich die Knirpse keine Gedanken wegen fehlender Freunde machen. www.iceguerilla.de  www.schukurama.de

Heim geht’s! Die DB streikt, aber die Niederbarnimer Eisenbahn, kurz NEB, bringt uns schnell und sicher bis nach Königs Wusterhausen, wo wir dann wieder etwas uninformiert auf dem Bahnsteig stehen.