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Glückselige !

Narrensprünge durch

Berliner können keinen Karneval und schwäbisch-alemannische Fasnet schon gar nicht. Fliesst jedoch ein Tropfen katholisches Blut vom süddeutschen Großvater durch die Adern, zieht’s die Enkelin zur fünften Jahreszeit nach Oberschwaben.
Glückselige Fasnet, hat das närrische Treiben als Werk des Teufels und katholischen Sittenverfall verdammt. Ach, arme Protestanten! Was versäumt ihr, Jahr um Jahr! Schon im 15. Jahrhundert schrieb Geiler vom Kaysersberg: «Jetzt ist die Fasnacht, eine Zeit zum Fröhlichsein. Gleich hernach folget die traurige Fasten. Die christliche catholische Kirche erlaubet ein ehrliche recreation und Wollustbarkeit, damit ihre geistlichen Kinder desto williger seyn, die heilige Fasten zu halten.» Also Zuckerbrot und Peitsche. Aber welcher Narr denkt  während der sechs «fetten» Tage noch an die anschliessende 40-tägige Fastenzeit.

Fasnet feiern heisst ausbrechen aus dem Alltag, Schranken aufheben, unter der Maske das wahre Gesicht zeigen, die Ordnung auf den Kopf stellen; aber auch alte Traditionen und das Brauchtum pflegen. 1525 wird die Fasnet zum ersten Mal in den Akten des Reichsklosters in Weingarten erwähnt und die Narrenzunft in Bad Saulgau ist stolz auf eine Chronik aus dem Jahr 1355. Die schwäbisch-alemannische Fasnet ist ein , das im Jahr 2014 von der Unesco ins immaterielle Weltkulturerbe aufgenommen wurde. Das berichtet stolz Frank Rieger, Zunftmeister in Bad Saulgau, für ihn die «größte und schönste Metropole der Gegend.» Was und Weingarten von dieser Aussage halten, ist der Autorin nicht bekannt, und sie wird sich hüten, die Jurorin zu spielen. Fasnet ist stark emotional geprägt. Man fiebert dem Fest des Jahres entgegen, die Fasnet ist wichtigstes Gesprächsthema. Die Gschelle werden abgestaubt, die Häs aus Truhen auf dem Dachboden befreit. Glücklich, wer noch ein passendes Narrenkleid der Altvorderen besitzt, um damit narren zu gehen.

Überall in Oberschwaben werden am «Gumpigen Dunschtig» die Kinder aus der Schule befreit, die Bürgermeister, Polizisten, Lehrer suspendiert und die Narrenbäume aufgestellt. Die heiße Phase beginnt, die heimischen und närrischen Gruppen formieren sich zum Narrensprung. Ohrenbetäubend das Gschell der Weissnarren, die im Rhythmus des Narrenmarsches springen. Zum Klang der Bläser-, Trompeter- und Trommlergruppen wiegen sich die Menschen am Straßenrand und singen die alten Narrenlieder. Die Narrenrufe der verschiedenen Zünfte sind zu hören und ersetzen in der Fasnet Begrüßung und Verabschiedung: In Bad Waldsee ist es noch einfach. Das «Ahaa» kann sich auch das Nordlicht merken. In Bad Saulgau ertönt: «Doraus, detnaus, bei der alten Linde naus.»

Und die Weingärtner, schreien: «Breisgau! – Ofaloch.» Was nicht nach inniger Verbundenheit der beiden Städte klingt. Allseits wird dazu inniglich eine «glückselige Fasnet» gewünscht. Hautnah ziehen farbenfrohe, prächtig kostümierte Gruppen von Schorrenweible, Faselhannes, Hemdglonker und Plätzler an den Menschen am Straßenrand vorbei. Gutsla regnen aus dem Auswerfkorb auf die Kinder herab. Die Brezgebuabe und -mädle in zauberhaften weissen Pierrotskostümen verteilen Brezeln, die sie auf langen Stangen mit sich tragen. Schrättele oder Riedhutzel piesacken die Erwachsenen mit ihren Besen und erschrecken mit waghalsigen Sprüngen. So mancher spürt den Schlag der Narrenwurst, den die Weissnarren am Gürtel tragen. Mützen und Hüte werden von den Köpfen der Zuschauer gestohlen und in die Menge geworfen. Vorbild für den Fäderle war der Jägersmann Hannes Federle, ein arger Frauenverführer.

Hatte er sein Ziel erreicht, denunzierte er die armen Frauen als Hexen. Sie endeten auf dem Scheiterhaufen oder starben unter der Folter. Heute entführt der Fäderle die hübschesten Mädele aus den Reihen der Zuschauer. Sie müssen sich einreihen in den wilden Zug und mit jucken beim Narrensprung. Ja, es macht Spaß, im Narrenhäs Schabernack zu treiben. Eines der ältesten Kostüme ist das Fleckle-, Blätzle-, Spättlekleid oder Zottelgewand. Schuppenförmig ist es mit ca. 5000 roten, weissen oder rot-weissen Stoffstücken so dicht besetzt, das der Unterstoff nicht mehr sichtbar ist. Die ebenfalls flickenbesetzte Haube wird oft durch einen Hahnenkamm gekrönt. Eine farbig bemalte Draht-Gaze-Maske, die für guten Durchblick und Luftigkeit sorgt wird aber nur noch vom Urbletzer getragen, ansonsten vervollständigen Holzlarven das Gewand des Weingartener Plätzlers. Eine jüngere Figur der Weingartner Zunft, der Schlösslenarr trägt eine grüne Jacke samt passender Hose. Das Gewand ist mit blauen Rauten bestickt, die im Inneren kunstvolle Motive aus dem Barockgarten zeigen. Dazu wird eine freundliche Holzmaske mit Schnurr- und Spitzbart getragen. Ein weiteres Attribut ist der Säbel, mit dem das Rügerecht ausgeübt wird. Für einen winzigen 2-jährigen Narrensamen wohl das wichtigste Utensil seines Kostüms. Freudig schwingt er seinen kleinen Holzsäbel, erstürmt das Schlössle und erobert die Herzen der Zuschauer im Sturm.

Das Tragen der kunstvoll geschnitzten Holzmasken erfordert etwas mehr Training und Trittsicherheit. Der Blickwinkel ist eingeschränkt und das Gewicht von ca. 700 g drückt schon mal auf Stirn und Nase. Wer natürlich eine massgeschnitzte Maske sein Eigen nennt, wird von diesen Druckpunkten verschont. Herr der Masken ist Günther Wetzel, der seit 40 Jahren Schnitzmesser und Flach- und Hohleisen schwingt. Rund 6.500 ausdrucksstarken, teils lieblichen, teils erschröcklichen Masken hat er ein Gesicht gegeben und Leben eingehaucht. Als Autodidakt hat er angefangen und es zu wahrer Meisterschaft gebracht. Gern würde er sein Wissen und Können an einen Nachfolger weitergeben. Aber elf Stunden mühevoller, kräftezehrender Handarbeit braucht es bis sich ein Stück Lindenholz in eine Maske verwandelt. Das schreckt wohl die meisten jungen Leute ab. Dem Meisterschnitzer wünsche ich für die anstehende Knieerneuerung: «Möge der Chirurg genauso meisterhaft das Skalpell führen, wie Sie das Schnitzmesser. Was sollte dann wohl schiefgehen?» Gute Besserung!
www.wetzel-masken.de

Einen guten Überblick über die Geschichte der Fasnet mit ihren verschiedenen Zünften, Narrenfiguren, Häs und Masken findet man im Fasnetmuseum in Bad Waldsee. Kundige Begleiter waren mir dort die Zunftmitglieder Dieter Fussenegger und Hans Funk. Von ihm stammen auch die Bilder im Fasnetsbüchlein, das an Kindergärten und Schulen verteilt wird und ein Teil der Jugendarbeit ist, um den Narrensamen heran zu ziehen. Aber um die Zukunft der Zünfte ist mir nicht bange. Schon die Kleinsten ziehen stolz in traditionellen Kostümen beim Narrensprung durch die Stadt. Masken dürfen sie allerdings erst ab 16 Jahren tragen.
www.bad-waldsee.de/museum – www.narrenzunftwaldsee.de

In Weingarten führte uns Andreas Reutter, der Archivar der Plätzlerzunft Altdorf- Weingarten 1348e.V. durch das zauberhafte Fasnetmuseum. Andreas Reutter kuratierte auch die interessante Sonderausstellung «Vom närrischen Altdorf zur Narrenstadt Weingarten» im Stadtmuseum im Schlössle. www.narrenzunftwaldsee.de – www.plaetzler.de/fasnetmuseum – www.plaetzlerzunft.de
Schlaf während der Fasnet? Ein Fremdwort für jeden echten Narren. Fallen dem Fasnetneuling doch einmal die Augen zu, suche er die Dependance des Hotels Grüner Baum auf. Im «Alten Tor» findet er Ruhe vom mitternächtlichen Treiben durch Gastwirtschaften und Gassen in Bad Waldsee.
www.baum-leben.de

In Bad Saulgau im Hotel Kleber Post verlange er das Zimmer Nr. 316. Kein Ton der ausschweifenden Fasnetfeier aus Foyer und Tanzsaal dringt in seine Einsamkeit im dritten Stockwerk. Versprochen! Das Hotel Kleber Post bietet zur Fasnet auch das traditionelle Sauschwanzessen an. Ob man es goutiert? Mir war das hervorragende Frühstück am nächsten Morgen sehr viel lieber. Grosse übersichtliche Schubladen, gefüllt mit allen erdenklichen Köstlichkeiten öffnen sich wie von Zauberhand, Säfte stärken den erschöpften Narren und geben ihm Kraft für die restlichen tollen Tage. Das habe ich wirklich sehr genossen!
www.kleberpost.de

Doch auch die schönste Fasnet geht einmal zu Ende. Am Dienstag zur Mitternacht ziehen die Beerdigungsvereine unter Tränen und Jammergeschrei «oh jerum, oh jerum, die Fasnet hot a Loch!» von Haus zu Haus. Sie tragen die Fasnet in Gestalt einer Puppe zu Grabe. Sie wird im Bach versenkt, vergraben oder verbrannt. Am Aschermittwoch in der Früh wird der Narrenbaum gefällt, die Narren geben die Schlüssel, Zeichen ihrer Macht zurück. Den sündigen Narren bleibt nur das Aschekreuz auf der Stirn als Zeichen der Buße und Vergänglichkeit. Doch im Stillen denken sie »S‘ goht dagega» und freuen sich auf die nächste Fasnet vom 4.2. bis 9.2.2016.

Für Nordlichter noch einige Worterklärungen:

GSCHELL –  auf Brust und Rücken über Kreuz getragene Schellenriemen, die mit Schellen (Glocken) besetzt sind. Attribut der Weissnarren

GUTSLA   – Bonbons
GUMPEN oder JUCKEN  – hüpfen oder springen
HÄS – Narrenkleid, Gewand
HEMDGLONKER – Faulenzer und Gammler in weissen Nachthemden
KARBATSCHE – kurzstielige Peitsche
MÄSCHGERLE oder – KERLE – verkleidete Menschen
NARRENBAUM – Stammbaum der Narren, das Narrenbaumstellen symbolisiert die Übernahme der Amtsgewalt

NARRENSAMEN – die Jüngsten in den Narrenzünften
SAUBLOTER – Schweinsblasei
SCHMOTZIGE – Fett = schwäbisch Schmotz
DUNSCHTIG – Donnerstag, die Fasnetküchlein und Krapfen werden gebacken
SCHORREN – kleiner Wald
SCHRÄTTELE und RIEDHUTZEL – Hexen