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Fahr’n se nich nach Pisa …

Haben sie in Physik aufgepasst? Dann wissen sie wann 2.800 Tonnen, die nicht mehr im Lot stehen, umfallen? Die Einwohner von Bad Frankenhausen, knapp 9000 Seelen, wissen es nicht.
Es ist die Rede vom schiefen Turm der Oberkirche, genauer der Kirche «Unser lieben Frauen am Berge», in Bad Frankenhausen am Kyffhäuser. 1382 wurde der Bau der gotischen Basilika vollendet. Hatte sich der Baumeister Friedrich Halle bei der Statik verrechnet oder tragen die romanischen Fundamente den 56 Meter hohen Turm nicht mehr? Information gibt mir eine Tafel an der Kirche: 258 (Zweihundertachtundfünfzig) Jahre bis zum Jahr 1640 stand der lange Kerl kerzengerade. Feuersbrünste, Stürme, Not und Hunger liessen ihn nicht wanken.
Im Jahr 1525 läuteten seine Glocken den Aufstand der Bauern ein. Unter ihrem Anführer, dem Theologen Thomas Müntzer, wurden sie in der Schlacht am Schlachtberg vernichtend geschlagen.
6000 Bauern liessen ihr Leben für Recht und Freiheit. Der Weg auf den Schlachtberg, die «Blutrinne» erinnert heute noch an das Gemetzel. 1692 wurde die Kirche wegen Baufälligkeit geschlossen. 1727 dann wieder eingeweiht. 1756 im Siebenjährigen Krieg geplündert. 1759 verbrannte bei einem Stadtbrand die Spitze und die Orgel wurde entfernt. Die Glocken läuteten nicht mehr. Bis zum Einbau neuer Glocken im Jahr 1765 riefen Geistlichkeit und Bürger vom Turmrest wie von einem Minarett: «Eichen, Buchen, Lärchen – kommt in die Kärchen!»
Die erste Schieflage wird im Jahr 1640 erwähnt. Eine geologische Verwerfung, ein sogenannter Gipskarst, wird dafür verantwortlich gemacht. Wie groß die Neigung war, man weiss es nicht.
Die erste Messung im Jahr 1920 wird mit 2,21 m angegeben. 1960 sind es schon 3,60 m, 2001 dann 3,89 m und endlich, im Jahr 2005 steht der Turm mit 4,22 m schiefer als der Pisa’sche

2012 besuche ich meine Tante im schönen Kurstädtchen. Die Neigung beträgt schon knapp 4,60 m. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Doch der Architekt, der die Sicherungsmaßnahmen überwachte, sprach: « Ich bürge mit meinem Leben, dass der Turm nicht fällt.» Die Turmnachbarn wird’s freuen!

Die Kirche ist entwidmet. Aus dem Besitz der evangelische Kirche wurde sie an die Stadt verkauft, für den symbolischen Betrag von 1,00 €. Das Land Thüringen spendete eine Millionen für erste Baumaßnahmen. Ca. zwei Zentimeter beträgt die jährliche Neigung. Der Einsatz der Millionen für Sicherungsarbeiten reduzierte die Neigung um drei Zentimeter. Ein griechisches Turm-Fass ohne Boden!
Oberkirche schiefer Turm evangelische Kirche Turm 4,22 m schief Blick auf Bad Frankenhausen Kurstädtchen

Die Frankenhäuser lieben ihren Turm. Über die Medien wird um Spenden gebeten.

Der rührige Förderverein Oberkirche veranstaltet diverse Aktionen. : Eintrittskarten für ein Benefizfussballspiel werden verkauft, nummerierte Bälle, Stück für 2,00 €, mit der Aussicht, ein Auto
zu gewinnen, suchen Abnehmer, diverse Benefizkonzerte erfreuen das Ohr. Es reicht nicht.

Die Sole, die im Untergrund sprudelt und der Frankenhausen den Zusatz Bad und den Bau einer 200 Betten Rehaklinik verdankt, spült und höhlt auch den Gips und Karst und ist verantwortlich für die Schieflage.

Die Menschen werden immer älter und kränker. Zusätzlich zur Kurtaxe sollte jeder Gast beziehungsweise die Krankenkassen einen Euro pro Tag zahlen. In durchschnittlich vier Wochen Kur ergeben das pro Mann oder Frau 28,00 €. Im Durchschnitt erholen sich monatlich 200 Menschen in der guten Luft von Bad Frankenhausen. Ergo 67.000 € im Jahr, eine Summe, die Hoffnung machen würde. Erhaltung und Stabilisierung wären gesichert.

Dann liesse der liebe Gott vielleicht wieder einen Regenbogen am Horizont erscheinen, wie zu
Thomas Müntzers Zeiten. Der Regenbogen schmückte die Fahne der Aufständischen.

Ihnen hat er kein Glück gebracht – für unseren Turm erhoffen wir das Gegenteil!